chaze

regt sich auf & erklärt das universium

Neuwahlen, Revolution

Angesichts der sich anbahnenden Neuwahlen in Deutschland (Minsterrücktritte, quasi Generalstreiks und so weiter) und der damit bekanntermaßen einhergehenden Umbauten und politische Revolutionen möchte ich hier bemerken, dass ich in voller Absicht in die Hochburg der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative, nach Neukölln, gezogen bin, da ich weiß, dass nur von hier die endgültige Teilung Deutschlands und Neuordnung des bestehenden Systems ihren Ausgang nehmen werden kann. Und dass dem die Machtübernahme dank absoluter Mehrheit vorangehen wird.

(Dieses Posting bitte ich nach der Revolution als unbedingte Zustimmung zu allen Kursen und Richtungsänderungen der Partei zu interpretieren und entsprechend zu honorieren. Mit einem Ministerposten oder ähnlichem.)

13. November 2007, 12:30 | Abgelegt unter: Wo ich jetzt in Neukölln wohne | Tags: | Comments Off

Wer gegen was?

Okay, der Köpi geht’s nicht gut. Versteigert, räumungsbedroht und mitten in einem Gebiet, dass zumindest nach bestimmten Plänen aktiv gentrifiziert werden soll. Dagegen versucht sich die „Hauserszene“ mit altbekannten Ritualen und wirklich wirklich blöden Sprüchen1 zu – nun ja – wehren. Davon kann man ja halten, was man will.
Und man kann sich seiner Freundinnen und Freunde nicht immer aussuchen. Nicht zuletzt ist die Köpi an sich ja so was wie ein Hotspot für Verschwörungstheorien. Aber es wäre schon interessant zu erfahren, ob „die Köpi“ es gut finden, dass die schon richtig heftigen Verschwörungstheoretiker von „Loose Change“ sie so direkt unterstützen, wie sie es auf diesen Aufklebern (aus Neukölln) tun:

[Es gab noch andere Versionen. Aber ich habe, wie andere, wieder mal erst reagiert und dann ans photographieren gedacht. Vielleicht hat wer anders noch andere Bilder.]

  1. Ernsthaft hängt aktuell ein Transparent am Zaun der Köpi, in der der „Stadtumbau“ „häßlich“ genannt wird. Als wenn das das Problem mit der Gentrifizierung wäre. Und vor allem: wer nennt da was häßlich? [zurück]

24. August 2007, 23:44 | Abgelegt unter: Nerviges, Die deutsche Linke, Aktionismus, Bestimmt wissens eh schon alle, Wo ich jetzt in Neukölln wohne | Tags: | Comments Off

Generationenkonflikt

Setting: Samstags, 2007, kurz vor dem abendlichen Losgehen. Zwei Balkone, schräg nebeneinander. Von dem meiner Nachbarin, geschätztes Alter 70+, kann man eine Ecke meines Zimmers mit der Sitzecke sehen. Dort steht der Rechner.

Nachbarin: [Befehlston] Was machen sie da! Schauen sie fernsehen?

Ich: [Überrascht] Nein. Fernseher, so was habe ich nicht.

Nachbarin: Haben sie nicht! Aha! Und was ist das da?

Ich: Was?

Nachbarin: Na, das!

Ich: Was? Mein Computer.

Nachbarin: Was?

Ich: Das ist mein Computer.

Nachbarin: Was? Computer? Ja, davon habe ich schon mal gehört.

06. August 2007, 11:57 | Abgelegt unter: Kopfschütteln und Achselzucken, Wo ich jetzt in Neukölln wohne | Tags: No Tags | Comments Off

Ankommen

Bezeichnend finde ich, dass die Ausstellung „Kunst und Kampf – Bilder einer Ausstellung“ beim diesjährigen Festival 48-Stunden-Neukölln (heute bis Sonntag) gezeigt wird. Kunst und Kampf (kuk) waren eine Gruppe, die in den 80′ern versuchten einen platten Kunstbegriff – ein etwas wie Agitprop-für-die-80er – mit den Themen und Symbolen der damaligen radikalen Linken zu machen. Heraus kamen bunte Plakate mit Autonomen und linken Symbolen, die manchmal vielleicht sogar lustig waren und sich von anderen linken Plakaten abheben sollten. (Ob sie das gemacht haben, darüber läßt sich heutzutage ja anhand der Bücher hoch die kampf dem und vorwärts bis zum nieder mit streiten.)
Aber was die Bilder und Plakate von kuk garantiert gemacht haben, war alles, was die autonome Linke in den 80er an Schiesse gebaut hat, auch mitzumachen. Und an der Gründung der AA/BO soll die kuk auch nicht ganz unbeteiligt gewesen. Aber da fragt man lieber, Leute, die damals dabei waren.
Und jetzt also auf dem Festival hier um die Ecke. Das ist nicht irgendein Festival, sondern das Standort-verbessern-vom-Bezirksamt-und-ansäßigen-Firmen-gesponsterte-Festival, welches seit einigen Jahren zur Aufwertung zumindest eines Gebietes von Neukölln beiträgt. Angekommen ist sie also die kuk, mit all ihrem Anspruch beim Bezirksamt in einem Stadtaufwertungsfestival. Früher hätte die kuk zu so was noch Plakate wegen der Verbürgerlichungstendenz radikaler Linker gemacht. Und heute --- ist sie eine Kunstgruppe unter anderen Kunstgruppen. [Allerdings scheint die Gruppe auch auf eine Person geschrumpft zu sein.]
Na dann, fühlt man sich mit seinem Hedonismus gar nicht mehr so schuldig.

22. Juni 2007, 01:43 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Happy Kapitalismus, Wo ich jetzt in Neukölln wohne | Tags: No Tags | Comments Off

Ansichtssache


… doch, manchmal. Ein ästhetisches. (Irgendwo in Neukölln.)

16. April 2007, 09:33 | Abgelegt unter: Nebenher, Wo ich jetzt in Neukölln wohne | Tags: | 1 Kommentar

Gentrifizierung Neukölln, nochmal

Wie ich vor kurzem schrieb läßt sich hier in Neukölln Gentrifizierung live erleben und – ein paar Grundlagen im Hinterkopf – beobachten. Zu dieser These passt der Artikel Stadtumbau durch Kommunikation von Matthias Brake auf telepolis. Dort wird der Stadtumbau positiv beschrieben – was immer umstritten ist, schließlich beinhaltet das in letzter Konsequenz immer auch das Wegziehen größerer Bevölkerungsgruppen. Aber es läßt sich nicht bestreiten, dass der Umbau stattfindet und gefördert wird.

25. März 2007, 12:25 | Abgelegt unter: Nebenher, Wo ich jetzt in Neukölln wohne | Tags: | 1 Kommentar

Gentrifizierung live

Es gibt eine Anzahl von Menschen, die behaupten, in Neukölln würde keine Gentrifizierung stattfinden. Ich denke, dass stimmt nicht. Gestern ging ich einen Weg, den ich das letzte Mal vor zwei Wochen gegangen bin. Keine 30 Minuten lang. Eine kursorische Übersicht der auffälligen Veränderungen:

  • Drei „Wohnungsauflösungsläden“ haben geschlossen. Zwei stehen leer, in einem wird schon wieder etwas verkauft. Chinesische Möbel.
  • Aus einer der Bäckereien um die Ecke, ist eine Konditorei geworden, aus einem Zeitschriftenshop ein Shisha-Shop.
  • Ein kleines (christliches!) Jungendzentrum wurde eröffnet.
  • Mindestens bei zwei Häusern sind die Geländer abgenommen worden, weil die Außenfassadenrekonstruktion fertig geworden ist.
  • Zwei 99-Cent-Läden machen demnächst zu, eine süffige Eckkneipe auch.
  • Aus einem Imbiss wurde ein Ball- und Brautmodenshop.

Ich finde, genügend Hinweise auf eine Gentrifizierung. Doch der endgültige Beweis ist folgender:

Direkt um die Ecke aufgenommen. Die Kunstszene ist nicht nur angekommen, sind beginnt auch, sich eine sichtbare Infrastruktur aufzubauen.

15. März 2007, 00:18 | Abgelegt unter: Wo ich jetzt in Neukölln wohne | Tags: | 1 Kommentar

Andere Feinde

Da, wo ich früher wohnte, musste man sich hauptsächlich mit Nazipropaganda auf der Straße auseinandersetzen. Das Erkennen, Entfernen und – für die Recherche – Einsammeln von Naziaufklebern und Wahlplakaten; auch das, nun, Verfremden war fast alltäglicher Teil meiner Jugend. (Und da bin ich ja nicht alleine.)
Da, wo ich jetzt wohne, hat sich das etwas verschoben. Nazipropaganda gibt es immer noch, nur hat man sich auch noch mit Leuten auseinanderzusetzen, welche nicht davon absehen können, ständig an Wände zu schreiben, wie toll der Islam angeblich sei. Das war aber zu erwarten.
Was mich allerdings echt überraschte, war die Masse von Aufklebern der Verschwörungshippies von „Loose Change“, dem Internetfilmchen, der – wie so oft – nicht Besseres zu tun hat, als zu behaupten, dass die US-amerikanische Regierung hinter den Anschlägen des 11.9. stecken würde. „Normaler“, durchgeknallter Blödsinn, wie er sich nach jedem solcher Vorfälle findet. Da es gegen die US-Regierung geht etwas populärer, als andere Verschwörungstheorien. Aber so heftig? Mir war schon klar, dass es auch zu diesem Video Leute geben würde, die ernsthaft über ihn diskutieren. Doch ich dachte, die kommen durch das ganze Kiffen nicht so weit, auch nur einem anderen Menschen davon zu erzählen. Dazu müssten sie aufstehen. (Was Blödsinn ist, es gibt ja das Internet. Scheiß Fortschritt.)
Falsch gedacht. In Neukölln werden ganze Straßenzüge mit Aufklebern zugeschissen und, wenn man diese entfernt, in einigen Tagen wieder überklebt. Damn. Besser organisiert als jede Kameradschaft.

Deshalb immer schön, auf solche Seiten zu stoßen:


I‘ve been getting a lot of email lately from people sending me this stupid 9/11 conspiracy video called „Loose Change.“ I‘ve tried to ignore it for months now, but you morons keep forwarding it to me, and I keep having to add more email addresses to my spam filter. The ironic part is that I‘m a huge conspiracy nut, and even I can‘t stomach this bullshit. For example, I believe that there is a small, reptile-like creature called Chupacabra that sucks the blood of goats in Mexico. Area 51? Hell yes. Roswell? Pass me the Kool-Aid. But „Loose Change“ elevates bullshit to an artform. Watching this video is like being bukakked with stupid.

25. Februar 2007, 02:05 | Abgelegt unter: Nerviges, Wo ich jetzt in Neukölln wohne | Tags: | Comments Off

Der echte und der andere 2Pac

Gestern, in der Bar um die Ecke, drei junge Menschen. Das eine Mädchen mit Kopftuch, die beiden Jungen mit Halbmond um den Hals. Beide Jungen trugen 2Pac-T-Shirts, ohne sich dabei etwas zu denken. Rauchten nicht, tranken keine Alkohol. Ansonsten sehr entspannt.
Hannes Loh und Murat Güngör haben das in ihrem Buch Fear of a Kanak Planet schon 2002 besprochen: 2Pac als Symbolfigur der Underdogs der Jugend in Deutschland, der Jugend mit migrantischem Hintergrund. Das wird dort ganz logisch hergeleitet, wie 2Pac aus dem vornehmlich weißen und deutschen Diskurs über HipHop in Deutschland ausgeschlossen und gleichzeitig durch sein Rebellenimage (und vielleicht auch, weil er sich seit über zehn Jahren eh nicht mehr wehren kann) zum Bezugspunkt einer Jugend wurde, die sich nicht ohne Grund ausgegrenzt und von der Zukunft abgeschnitten fühlt.
Lustig finde ich das trotzdem, weil der gute 2Pac sich zu Lebzeiten sehr dagegen verwehrt hätte, wenn sich Muslime positiv auf ihn beziehen. (Vor allem solche, die sich aus ihrer Religion eine Identität basteln.) In „I Ain‘t Mad At Cha“ (Album: All Eyes On Me, 1996) macht er sich sogar explizit lustig über eine ehemaligen Freund, der zum (Black) Muslim wurde:

Now we was once two niggaz of the same kind / Quick to holla at a hoochie with the same line / You was just a little smaller but you still roller/ Got stretched to Y.A. and hit the hood swoll / Member when you had a jheri curl didn‘t quite learn / On the block, witcha glock, trippin off sherm / Collect calls to the till, sayin how ya changed / Oh you a Muslim now, no more dope game / Heard you might be comin home, just got bail / Wanna go to the Mosque, don‘t wanna chase tail / I seems I lost my little homie he’s a changed man / Hit the pen and now no sinnin is the game plan / When I talk about money all you see is the struggle / When I tell you I‘m livin large you tell me it’s trouble / Congratulation on the weddin, I hope your wife know / She got a playa for life, and that’s no bullshitin / I know we grew apart, you probably don‘t remember / I used to fiend for your sister, but never went up in her / And I can see us after school, we‘d BOMB / on the first motherfucker with the wrong shit on / Now the whole shit’s changed, and we don‘t even kick it / Got a big money scheme, and you ain‘t even with it / Hmm, knew in my heart you was the same motherfucker bad / Go toe to toe when it’s time for roll you got a brother’s back / And I can‘t even trip, cause I‘m just laughin at cha / You tryin hard to maintain, then go head / cause I ain‘t mad at cha

So ist das mit der Identität: einmal auf den Text geachtet und schon droht sie zusammen zu brechen. Aber sagt es den Jugendlichen irgendwer?

02. Januar 2007, 14:15 | Abgelegt unter: Die deutsche Gesellschaft, Kopfschütteln und Achselzucken, Happy Kapitalismus, Wo ich jetzt in Neukölln wohne | Tags: No Tags | 2 Kommentare