chaze

regt sich auf & erklärt das universium

Parolenverlegenheit

Auf der Gedenkdemonstration anlässlich des 69. Jahrestages der sogenannten Reichsprogromnacht einem Jugendlichen mit höchstwahrscheinlich türkischem Migrationshintergrund, der sich aus seinem Fenster lehnt und angesichts der Israelfahnen „Scheiß Juden“ pöbelt mit der Parole „Nie, nie, nie wieder Deutschland“ und „Kampf dem Faschismus, Kampf dem Antisemitismus, nieder mit Deutschland und für den [irgendwas mit „-ismus“ am Ende]“ zu antworten … das ist etwas schwierig. Selbstverständlich: die Intervention ist notwendig. Und bestimmt sollte die radikale Linke die letzte Gruppe sein, die diesen Jugendlichen den rechtlichen Status als Deutsche absprechen sollte, den die meisten von ihnen heute doch haben. Insoweit sind sie auch Teil Deutschlands und deshalb mit Scheiße. Aber … komisch ist es doch. Veränderte Verhältnisse bedürfen neue Parolen und die sich als „türkisch/islamisch“ verstehenden rechtsextremen Subkulturen benötigen offenbar ganz schnell welche.
Und die antirassistisch engagierten Menschen im hinteren Teil der Demonstration sollten vielleicht das nächste mal überlegen, ob kurz nach solchen Situationen die Parole „Um Europa keine Mauer, Bleiberecht für alle und auf Dauer“ wirklich wirklich wirklich angemessen ist. Sicher, ja, stimmt ja. Auch rechtsextreme Jugendliche müsse sich niederlassen dürfen, wo sie wollen, da darf kein Staatenbund mit seiner rassistischen Abschottungspolitik dagegen stehen – schon damit man sie dort mit Bildung schlagen kann antifaschistisch gegen sie agieren kann. Aber irgendwie …

10. November 2007, 15:26 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Aktionismus, Das ist die Welt, in der wie leben | Tags: | Comments Off

Warum kommt den niemand mehr zur Demo?

Letztens, in Berlin, eine Veranstaltung mit mehreren antirassistischen Initiativen. Die Chipkartenini stellt ihre neue Kampagne vor, welche notwendig wurde, weil die Initiative zumindest in Berlin gewonnen hat. Während der Veranstaltung die alte Frage, warum immer so wenige Leute zu antirassistischen Aktionen kommen.
Dann, gestern, Demonstration gegen den Abschiebeknast in Grünau und damit auch Beginn der Kampagne. So wenige Leute waren es nicht. Bei indymedia heißt es, es wären 200 gewesen. Und so ungefähr stimmt das wohl auch. Einer der letzten Redebeiträge über die Notwendigkeit, nicht nur Abschiebeknäste, sondern die gesamte rassistische Gesetzgebung abzuschaffen. Alles ganz richtig, dafür war die Demonstration ja da. Dafür fuhren wir nach Grünau. Doch dann der nächste Satz: außerdem müssen sofort alle deutschen Truppen überall abgezogen werden und die Armee aufgelöst werde, weil das irgendwie dazu gehören würde.
Aha. Nein, nicht so einfach. Oder: das mag man in der Chipkartenini so sehen, aber es ist doch ein umstrittenes Thema (um es mal so verharmlosend zu sagen). Und vor allem ist es nicht folgerichtig. Ich fühle mich vereinnahmt. Wieso muss ich bitteschön für letzteres sein, wenn ich gegen die rassistische Gesetzgebung bin?

Einige Monate vorher, bekannter Fall. Vier Menschen, darunter ein wissenschaftlicher Angestellter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Humboldt-Universität werden wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer angeblichen terroristischen Vereinigung verhaftet. Drei wurden verhaftet, als sie angeblich militärische Fahrzeuge anzündeten; der vierte, weil sich offenbar Passagen in seinen Texten denen in einigen Bekennerschreiben der Gruppe, der die drei anderen angehören sollen, ähneln.
Wichtig ist wohl folgende Differenzierung. Da gibt es die einen, die sich über die Verhaftung der vier an sich aufregen (was so allgemein nicht falsch ist) und da gibt es die relativ breite Öffentlichkeit, welche sich darüber aufregt, dass die Polizei und Staatsanwaltschaft offenbar zu blöde ist, zu bemerken, dass „Gentrifizierung“ ein lange etablierter Begriff ist und kein Hinweis darauf, dass jemand Teil einer Gruppe ist, nur weil diese den Begriff auch benutzt.
Also: eine der Kundgebungen vor dem Knast. Mehr als die Hälfte der Leute gehört nicht zu den bekannten Gesichtern bei solchen Veranstaltungen und hat mit der Gruppe, um die es angeblich bei den Verhafteten geht, auch nichts am Hut. Es geht ihnen ganz offensichtlich um den Wahnsinn der Staatsanwaltschaft, die keine Ahnung von der Textproduktion in Zeiten der modernen Kommunikationsmittel hat und einer sogenannten Terrorgruppe offenbar nicht zutraut, einfache wissenschaftliche Konzepte nachvollziehen zu können.
Dann Redebeitrag über die Situation an sich, der Fall wird geschildert, Polizeischikane, offensichtlich falsche Begründungen der Staatsanwaltschaft. Alles nachvollziehbar. Und weil es irgendwie um militärische Fahrzeuge geht, auf einmal Sätze, dass man es an sich richtig findet, „die deutsche Kriegsmachinerie“ anzugreifen und dass alle deutschen Gruppen zurückgezogen werden müssen und das es auf dieser Kundgebung genau auch um das gehen würde.
Wieder mal fühle ich mich vereinnahmt. Wieso muss ich für letzteres sein, wenn ich dafür bin, dass Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler gefälligst forschen dürfen, worüber sie wollen, wissenschaftliche Terminologie benutzen dürfen, dass andere aus diesen Texten zitieren dürfen und dass das die Staatsanwaltschaft nichts angeht? Und gerade dieses Thema: Illegalität und deutsche Truppen im Ausland. Es hätte es keine heftigen Auseinandersetzungen darum gegeben. Ich meine: ist das bei den Menschen, die diese Kundgebung organisierten, nicht angekommen?
Zumindest sollen dann bei der nächsten Aktion kaum noch Menschen da gewesen sein.

Und das passiert immer wieder. Man nimmt an einer Aktion teil, die man inhaltlich richtig findet und auf einmal wird man vereinnahmt für Dinge, die man gar nicht unterstützt, gegen die man sogar argumentieren will.
Ich meine, was steckt den hinter diesem Vorgehen? Es scheint doch so, als würden die organisierenden Gruppen einen ziemlich speziellen Kanon als links/antirassistisch/was-auch-immer definieren. Und nur, wer diesem Kanon zustimmt, soll dann bei den Aktionen teilnehmen dürfen. Und dieser Kanon wird zuvor auch nicht kundgeben. Das auf solchen Veranstaltungen ein antisexistischer Grundkonsens herrschen soll, ist beispielsweise bekannt. Aber dass man antiimperialistischen Blödsinn glauben muss, nur weil man gegen das Vorgehen der Staatsanwaltschaft gegen Wissenschaftler ist, ist nicht bekannt. Es ist auch Blödsinn.
Aber wenn das ständig passiert, sollte man sich auch nicht mehr fragen, warum nur wenige Menschen zu Demonstrationen kommen oder warum so viele Gruppen nicht miteinander zusammen arbeiten. Man weiß ja gar nicht mehr, was man so alles durch seine Teilnahme unterstützt. Vielleicht macht man dann auf einmal Propaganda für die Hamas, obwohl man eigentlich für die Viertelparität in Hochschulgremien demonstrieren will. Oder man macht Wahlwerbung für die Kanzlerkandidatur von Klaus Wowereit, obwohl man eigentlich gegen einen Naziaufmarsch auf der Straße steht. Man weiß es einfach nicht. Und deshalb bleibe ich auch lieber zu hause.

05. November 2007, 12:43 | Abgelegt unter: Allgemein, Nerviges, Die deutsche Linke, Kopfschütteln und Achselzucken | Tags: | 2 Kommentare

Wer gegen was?

Okay, der Köpi geht’s nicht gut. Versteigert, räumungsbedroht und mitten in einem Gebiet, dass zumindest nach bestimmten Plänen aktiv gentrifiziert werden soll. Dagegen versucht sich die „Hauserszene“ mit altbekannten Ritualen und wirklich wirklich blöden Sprüchen1 zu – nun ja – wehren. Davon kann man ja halten, was man will.
Und man kann sich seiner Freundinnen und Freunde nicht immer aussuchen. Nicht zuletzt ist die Köpi an sich ja so was wie ein Hotspot für Verschwörungstheorien. Aber es wäre schon interessant zu erfahren, ob „die Köpi“ es gut finden, dass die schon richtig heftigen Verschwörungstheoretiker von „Loose Change“ sie so direkt unterstützen, wie sie es auf diesen Aufklebern (aus Neukölln) tun:

[Es gab noch andere Versionen. Aber ich habe, wie andere, wieder mal erst reagiert und dann ans photographieren gedacht. Vielleicht hat wer anders noch andere Bilder.]

  1. Ernsthaft hängt aktuell ein Transparent am Zaun der Köpi, in der der „Stadtumbau“ „häßlich“ genannt wird. Als wenn das das Problem mit der Gentrifizierung wäre. Und vor allem: wer nennt da was häßlich? [zurück]

24. August 2007, 23:44 | Abgelegt unter: Nerviges, Die deutsche Linke, Aktionismus, Bestimmt wissens eh schon alle, Wo ich jetzt in Neukölln wohne | Tags: | Comments Off

schon Geschichte, 2002

Anfang 2002, wieder mal von "den Gruppen" genervt, der einen Antifa, dem anderen Kneipenkollektiv. Wieder mal wichtige Brüche in den Kollektiven erlebt, aber keinen Bock unpolitisch zu sein. Also: Leute gesucht, neue Gruppen gegründet, damals. Zwei sogar. Eine lief rechte lange recht gut, obwohl, naja. Alles hat mal eine Ende, aber einige Ende sind halt anders als andere. Die andere Gruppe kam leider nur kurz ins Rollen, obwohl die mehr Spass gemach hätte.
Das Ziel war eine praktikable links-radikale Theoriegruppe. Tja. Seitdem sind Dinge passiert. [Wo gerade der Platz ist, werte Ex-Genossinnen und Ex-Genossen: Are you really happy, where you are right now?]
Okay. 2007. Auch das Internet ist gewachsen. Jemand hat ein neues Blog an den Start gebracht: copy and destroy. Ziel ist, linke Texte für Menschen, die lieber Gedrucktes lesen und nicht am Bildschirm Geschriebenes, in Druckvorlagen zu packen, damit sie sie sich als Broschüren heften können:

Finde ich einen Text, den ich für lesenswert halte und der einfach zu kopieren ist, mache ich eine manchmal eine Druckvorlage daraus. Manchmal auch nicht. Lesenswert heißt nicht, daß ich auf jeden Fall mit allem darin Geschriebenem d’accord gehe.

Und was ist der erste Text, der für lesenswert erachtet wird? Der Gründungstext gerade dieser Gruppe: move your ass in a different style. Yep. Nicht alles war umsonst, nur vieles. Zumal immer noch vieles richtig ist, selbstverständlich.

10. August 2007, 11:00 | Abgelegt unter: Nerviges, Die deutsche Linke, Antidepressiva | Tags: | 1 Kommentar

Was wird Lafontaine tun?

Für die Partei von Lafontaine, und nicht nur für diese, ist ja eines der wirklich wirklich wirklich großen Probleme am Kapitalismus nicht die allgemeine Verfaßheit dieses Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, nicht die In-Wert-Setzung der/des Einzelnen, die Produktionsverhältnisse, die Krisenhaftigkeit oder sonst so ein „Zeug“; es sind vor allem die Hedge-Fonds. Die Ausbeuter-Aufkäufer, die man früher mal als Yuppies verschrie, weil sie Handys hatten und Laptops, Firmen aufkauften, zerlegten und wieder verkauften (und heute sich vorher das investierte Geld von den gekauften Firmen zurückzahlen lassen). Das ist jetzt ja vorbei, der letzte junge Antifa hat Handy und Laptop (und braucht sie auch). Heute sind es die Hedge-Fonds, gegen die man sich ohne wenn und aber bekennt. Sagt zum Beispiel Lafontaine in einem Interview mit der Märkischen Allgemeinen:

Wenn wir Anträge in den Bundestag einbringen – etwa den, die hochspekulativen Hedge-Fonds in Deutschland nicht zuzulassen – dann tun wir das aus Überzeugung.

Moralgedöns also statt Antikapitalismus.
Und jetzt die Frage: Was macht diese Linke eigentlich, wenn die Hedge-Fonds zusammenbrechen? Also als Wirtschaftsform obsolet werden, wie große Industriebauten im Bereich der Wissensökonomie oder das Trucksystem? Rainer Sommer schreibt zumindest in einem Beitrag auf Telepolis, dass auch dieses Wirtschaftsform langsam an den Rand der Machbarkeit gelangt ist. (Und die Financial Times Deutschland sagt beispielsweise eigentlich auch nichts anderes.) Mit was wird der kämpferische Gestus dann ersetzt? Ich will es nicht wirklich wissen, aber lustig finde ich es schon.

22. Juli 2007, 14:14 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Aktionismus, Das ist die Welt, in der wie leben | Tags: | Comments Off

Ikea vs. Bauhaus

„Den Kleinbürger zeichnet aus, daß er sich von den äußerlichen Formen der traditionellen Bürgerkultur angezogen fühlt, ohne sich aber für deren Inhalte zu interessieren, geschweige denn sich dafür zu erwärmen. Er liebt die rotsamtenen Polster und die Kronleuchter, aber er möchte nicht drei Stunden warten, bis er applaudieren darf. Er möchte alle fünf Minuten klatschen, ‚halt‘ nach jeder ’supertollen‘ ‚Supermelodie‘ Musik und gutes Essen sind für ihn erst Musik und gutes Essen, wenn Kerzen brennen, und er besteht darauf, daß bei den Popmusik-Playbackvorführungen in Fernsehunterhaltungssendungen vom Künstlerdienst angemietete Frauen in Abendkleidern sitzen, die so tun, als würden sie geigen oder Cello spielen. (Auf Bratschen legt er keinen Wert, denn diese mittelgroße Form würde er nicht erkennen.) […] Authentische, der frischen, leuchtenden und immerzu großen Gegenwart entspringende Kulturleistungen dagegen sind in seinen Augen ‚vielleicht ganz witzig, aber irgendwie anstrengend‘, ‚muß ich mir aber nicht antun‘, sie sind schlechtgelauntestenfalls ‚Kunstkacke‘, gnädigstenfalls ’skurril‘. ‚Was will der Künstler uns damit sagen?‘ sagen die Kleinbürger in ihrer sentenziösen Ironie, die sie selber nicht mehr als solche erkennen, lachen blöd und schicken sich in ihre gedankenlose Selbstzufriedenheit. Sie haben ja ihren Champagner oder Büro-Sekt und ihre nimmermüden ‚wunderbaren Abba-Melodien‘.“ [Max Goldt / Kurzärmelige Hemden. – Titanic, 07/07, S.62f.]

22. Juli 2007, 13:38 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Das ist die Welt, in der wie leben, Merksatz, Antidepressiva | Tags: | Comments Off

Verluste bei der Jungle World

Okay, die Jungle World hat ein neues Layout und Konzept und Leute reden drüber. Dann ich aber auch.
Erstmal hat mich die letzte Ausgabe geschockt. 10 Jahre! Oje. Ich war – noch sehr jung und eigenes von Schulabschluss entfernt – auf dem Benno-Ohnesorg-Kongress schon dabei, als die Spaltung junge Welt // Jungle World vollständig zementiert wurde und seitdem hat mich die Zeitung begleitet. Ich fühlt mich alt. Seitdem hat sich das Internet durchgesetzt, Gruppen und Trends sind gewachsen und wieder verschwunden, Leute haben begonnen, sich zu hassen, haben das ausgelebt und verkehren wieder miteinander, weil das alles vergessen ist – eine unglaublich lange Zeit.
Wobei ich beim Lesen der letzten „alten“ Ausgabe auch merkte, dass die Leute, die die Jungle machen noch älter sind. Die Spaltung Ost/West ist mir beispielsweise wäre meiner politischen Arbeit vollkommen egal gewesen, die habe ich kaum noch mitbekommen. Die Leute in der Jungle scheint die aber geprägt zu haben.

Anyway. Das neue Konzept. Nun ja, verändern tut sich ja alles und man findet sich letztlich damit ab. Neue bunte Bilder, etwas weniger kurze Meldungen, dafür neben der Zeitung selber ein Magazin. So ist es halt.
Was mich ärgert, ist, dass einiges verschwunden ist, was ich layout-technisch großartig fand.

  1. Der nach unten und oben offene Satz, also die Anordnung des Textes, der nicht in jeder Spalte einheitlich auf einer Höhe anfing und einheitlich auf einer anderen Höhe aufhörte. Das traute sich sonst kaum jemand. Jetzt sind es wieder geschlossene Spalten, alle gleich lang.
  2. Der Einsatz mehrere Schriften in einem Text. Ist vielleicht kaum jemand aufgefallen, aber die Jungle hat in den längeren Texte zwei Schriftenarten verwendet, angeblich um die Augen nicht so zu langweilen. Hatte sehr nette Effekte. Und jetzt? Sieht zumindest aus, wie nur ein Font. Borring.
  3. Mut zum Platz und Freistehen. Die alte Jungle hatte ihre Seiten selten vollgeknallt. Die Rubriktitel, die Seitenzahlen, die Überschriften, die Spalten – das stand einfach so da, ohne sichtbares Raster. Und es hat trotzdem funktioniert, obwohl Layouthandbücher sagen, dass sollte man nie-nie-niemals tun. Und jetzt ist das Raster da. Horizontale und vertikale Linien, klare Anordnungen. Irgendwie Zeitung1.0.

13. Juli 2007, 11:50 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Die Medien, Bestimmt wissens eh schon alle | Tags: | Comments Off

Ankommen

Bezeichnend finde ich, dass die Ausstellung „Kunst und Kampf – Bilder einer Ausstellung“ beim diesjährigen Festival 48-Stunden-Neukölln (heute bis Sonntag) gezeigt wird. Kunst und Kampf (kuk) waren eine Gruppe, die in den 80′ern versuchten einen platten Kunstbegriff – ein etwas wie Agitprop-für-die-80er – mit den Themen und Symbolen der damaligen radikalen Linken zu machen. Heraus kamen bunte Plakate mit Autonomen und linken Symbolen, die manchmal vielleicht sogar lustig waren und sich von anderen linken Plakaten abheben sollten. (Ob sie das gemacht haben, darüber läßt sich heutzutage ja anhand der Bücher hoch die kampf dem und vorwärts bis zum nieder mit streiten.)
Aber was die Bilder und Plakate von kuk garantiert gemacht haben, war alles, was die autonome Linke in den 80er an Schiesse gebaut hat, auch mitzumachen. Und an der Gründung der AA/BO soll die kuk auch nicht ganz unbeteiligt gewesen. Aber da fragt man lieber, Leute, die damals dabei waren.
Und jetzt also auf dem Festival hier um die Ecke. Das ist nicht irgendein Festival, sondern das Standort-verbessern-vom-Bezirksamt-und-ansäßigen-Firmen-gesponsterte-Festival, welches seit einigen Jahren zur Aufwertung zumindest eines Gebietes von Neukölln beiträgt. Angekommen ist sie also die kuk, mit all ihrem Anspruch beim Bezirksamt in einem Stadtaufwertungsfestival. Früher hätte die kuk zu so was noch Plakate wegen der Verbürgerlichungstendenz radikaler Linker gemacht. Und heute --- ist sie eine Kunstgruppe unter anderen Kunstgruppen. [Allerdings scheint die Gruppe auch auf eine Person geschrumpft zu sein.]
Na dann, fühlt man sich mit seinem Hedonismus gar nicht mehr so schuldig.

22. Juni 2007, 01:43 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Happy Kapitalismus, Wo ich jetzt in Neukölln wohne | Tags: No Tags | Comments Off

strategischer sexismus gegen g8

Thema Blockadetraining, bestimmt das hier. Darüber berichtet Maxim Leo (Berliner Zeitung) auf WatchBerlin (Video hier) und zwar weder aus der Gegen-den-G8-Perspektive, noch aus dem Gegen-die-Gegen-die-G8-Bewegung-Perspektive, noch aus der alle-Gegen-den-G8-sind-terrorverdächtig-Perspektive, sondern quasi von außen.
Also: Blockadetraining, das fäßt er gut zusammen, ist vor allem ein Training, den eigenen Protest irgendwie medial zu verwerten:

es geht um ein spiel. es geht darum, dass die demonstranten möglichst nahe an diesen zaun heran kommen, der so um heiligendamm herum gebaut wurde und wo der g8-gipfel stattfinden wird. möglichst nahe, möglichst auf den zaun kommen und wichtig – auch das wurde auf dem seminar gelernt – es muss eine kamera in der nähe sein. ein erfolg bei der demonstration zu haben ohne kamera wäre – sinnlos. man muss auf den zaun kommen, gefilmt werden – das ist der erfolg.

Er wendet diese Darstellung auf beide Seiten an:

es ist ein steuerfinanziertes räuber- und gendarmspiel. und am ende geben die demonstranten und die politiker ihre presseerklärung ab. und so funktioniert die moderne demokratie.

Er mag damit nicht Unrecht haben, doch irgendwie ist das auch egal. Es zeigt nur, dass die Teilnahme an den Protesten eben vollkommen ohne Inhalte auskommt.
Aber was wirklich heftig ist, ist doch folgende Darstellung:

ein anderer trick ist, gut aussehende frauen an strategisch wichtigen stellen in die kette zu integrieren, weil gut aussehende frauen die polizisten offenbar sehr irritieren und vor allem die hemmschwelle erhöhen, derbe zuzugreifen. am besten, sagte sogar ein strategiemanager dieser blockadekampagne, wäre es, wenn die frauen oben ohne wären, was allerdings wieder eine geschlechterdebatte auslösen würde innerhalb der demonstranten, weswegen man im moment [!] darauf verzichtet.

Nehmen wir mal an, es stimmt, dass sowas auf Blockadetrainings tatsächlich gelernt wird (und es ist ehrlich gesagt gut vorstellbar), wie kann man den mit solchen Leuten ernsthaft gemeinsam irgendwas machen wollen? Doch nur, indem man auch noch die letzten Reste Feminismus wegwirft.1

  1. Das soll nichts gegen Oben-ohne oder nackt protestieren sagen. Sollen die Leute das doch machen, wie sie wollen. Aber z.B. das Aktionskomitee Nudistische Offensive, dass schickt nicht die „gutaussehenden Frauen“ vor, weil es strategisch passt, sondern das zieht sich vollständig aus. Aus Hedonismus. Der Unterschied ist, glaube ich, klar. [zurück]

23. Mai 2007, 12:59 | Abgelegt unter: Nerviges, Die deutsche Linke | Tags: | 1 Kommentar

wo bleibt die sportverweigerung?

Wo heutegestern eher zufällig die „18-Uhr-Demo“ an mir vorbei rannte und ich Ähnliches bei anderen Demos der letzten Zeit beobachtet habe, eine Frage:
Wer zur Hölle hat eigentlich beschlossen, dass eine Demonstration heutzutage im Laufschritt abgehalten werden muss? Wieso wird heute eine Geschwindigkeit von geschätzten 25 Stundenkilometern vorgelegt? Ist das ein Fitnessprogramm? Was ist den bitteschön (1) mit dem Spruch „Sport ist Mord“, (2) mit dem Hedonismus („Wenn ich nicht rennen will, renne ich nicht“) und (3) mit dem Willen passiert, alle Menschen in die Demonstration einzubeziehen. Ich meine, selbst wenn ich gewollt hätte teilnehmen wollen,1 ich hätte die Geschwindigkeit nicht mitgehalten. Mit noch mehr Lebensjahren, mit Rollstuhl oder so, wäre das noch nicht mal mit großer Anstrengung möglich gewesen.

  1. Was nie zur Debatte stand. Wer wirklich bei einer Veranstaltung mit macht, auf der „Revolution“ einen eigenen Block haben – und vieles Erschreckend Dummes mehr zugelassen wird – sollte sich schämen. Und spätestens, wenn auf der Demo Leute in Thor Steinar Shirt (bzw. T-Hemd) mitlaufen dürfen, sollte auch klar sein, dass zumindest der antifaschistische Grundkonsens gering ist. Und so ist es dann auch tatsächlich geschehen. [zurück]

02. Mai 2007, 02:02 | Abgelegt unter: Nerviges, Die deutsche Linke, Kopfschütteln und Achselzucken, Aktionismus, Bestimmt wissens eh schon alle | Tags: | 8 Kommentare