Der Christliche Fundamentalismus in Deutschland. Normalos und Jugendbewegte
Das Gefährliche am christlichen Fundamentalismus in Deutschland ist, dass er relativ unbemerkt Einfluss gewinnt. Seine Trägerinnen und Träger sind meist unauffällig. Sie gehören dazu: Nette Familien mit Haus, Job und Kindern, erfolgreiche Unternehmer, rüstige Rentnerinnen und Rentner; nette, oft sozial interessierte Jugendliche. Das ist der Großteil der sozialen Basis christlicher Gruppen in Deutschland. Gebildeter Mittelstand, in vielen Feldern – zum Beispiel bei Kontakten mit Nicht-Deutschen oder dem Engagement für Behinderte – liberaler und engagierter, als der gesellschaftliche Durchschnitt. Und doch oder gerade auf der Suche, ihre eigenen fundamentalistischen moralischen und politischen Grundsätze der Gesellschaft aufzudiktieren.
Rechtsextreme, Islamisten – wenn diese versuchen, ihr Weltbild zu propagieren, ist dies oft auffälliger und erfährt mehr Gegenwehr. Christliche Fundamentalistinnen und Fundamentalisten hingegen sind oft so sehr gesellschaftlich verankert, dass sie sich ohne Probleme in allen möglichen Lebensbereichen ausbreiten und fast überall auftreten können, ohne dass sich jemand daran zu stören scheint. Nur wenn sie zu traditionell werden, wie die Singegruppen auf dem Alexanderplatz oder an den Universitäten in Berlin mit Gitarren und eindeutigen Texten, werden sie belächelt.
Aber viele radikal-christliche Gruppe sind nicht so. Die Jesus Freaks beispielsweise sind hauptsächlich Jugendliche aus eher links besetzten Jugendkulturen – Punk, Hardcore, Skins, Gothic –, die sie oft auch sehr intensiv in Auftreten und Rezeption ausleben. Oder Teen Challenge, ein anderes Beispiel, ist ein international agierender Verein, der Jugendarbeit und radikalen Missionsanspruch miteinander verbindet. Und das relativ professionell.
Aktionswoche.
Diese beiden Gruppen – die zweite offiziell, die andere praktisch – veranstalten zur Zeit, seit dem 22.08 bis zum 29.08 – vollkommen unbehelligt – im Mauerpark eine „Aktionswoche“ unter dem Titel „Ausbruch aus dem Rattenkäfig“. Zwischen den normalen Besucherinnen und Besuchern des Parks, zwischen den Sommerbars am Rand, halten sie dort Gottesdienste, Kino, Gesprächskreise ab und versuchen, wie es bei ihnen heißt, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Nur sind diese Gespräche nicht wirklich Gespräche, da sie ein eindeutiges Ziel haben, nämlich die anderen von der Glaubensauslegung dieser Jesus-Fans zu überzeugen. Gleichzeitig sind solche Fest, wie in allen Szenen, selbstverständlich immer auch ein Freizeitangebot an die eigene Klientel.
Dabei ist die Argumentation bei dieser Aktion relativ simpel:
- Wir alle leben in einer Welt, die wie ein Rattenkäfig ist.
- Wir müssen ausbrechen, den sonst gehen wir als Individuen unter.
- Jesus ist die Hilfe zum Ausbruch. Er ist für uns gestorben, also müssen wir nicht mehr in diesem Käfig stecken.
Das ist selbstverständlich keine wirklich konsistente Weltdeutung, nicht nur weil der Sprung von zweiten zum dritten Punkt nicht wirklich folgerichtig ist. Aber es zeigt ungefähr die Argumentationslinie auf der sich der jugendbewegte christliche Fundamentalismus bewegt. Er greift populäre Bilder der Jugendkultur auf und biegt sie auf Jesus hin. Was besonders dann gefährlich wird, wenn man weiß, dass hinter „Jesus“ bei den Freaks oft – aber nicht immer – asketische Ansprüche an die Individuen stehen und der Glaube an ein lenkendes Wesen im Kampf gegen den Teufel.
Dieser Rattenkäfig, der als Bild aufgerufen wird, ist allerdings so sehr Teil verschiedener Jugendkulturen, dass das Ziel auf den ersten Blick nicht deutlich wird. Bob Marley sang vom „Ratrace“, diverse filmische Dystopien stellen die Welt als Käfig vor – man denke nur an Twelve Monkeys – und auch heute noch werden Tracks veröffentlicht, die das moderne Leben als ziel- und damit sinnlos darstelle. Politisch gewendet kann eine solche Haltung leicht in anti-moderne Vorstellungen abgleiten. Oder halt eine Lebensphase darstellen, die viele Menschen – vor allem in ihrer Jugend – mehr oder minder intensiv ausprägen.
Konzert.
An dieses Denken setzten Teen Challenge und Jesus Freaks an, als sie am Freitag, den 24.08, ein Konzert mit diversen Gothic/Industrial-Bands im Mauerpark veranstalteten. Nicht, dass dies reine Berechnung gewesen wäre. Viele Jesus Freaks stehen genau auf solche Musik, nur dass sie christliche Texte hören wollen. Viele Jesus Freaks hängen auch gerne persönlich im Mauerpark ab. Und letztlich haben viele christliche Bands aus diesem Musikbereich eine technische Perfektion erreicht, die von anderen Bands selten oder erst im professionellen Bereich erlangt wird. Insoweit war dieses Konzert folgerichtig.

Hauptact war die Amsterdamer Gruppe „No Longer Music“. Diese tritt als Punk/Industrial/New Wave-Band mit Schauspielqualitäten auf. Inhaltlich geht es schnell und hart zur christlichen Sache, technisch ist auch diese Band erschreckend gut. Während der Propagandaeffekt von (z.B.) Antifa-Solipartys oder Konzerten gegen Rechts oft und schnell an den Qualitäten der Künstlerinnen und Künstler scheitert, passiert das mit einer solchen Band nicht.

Im ersten Teil der Veranstaltung coverte die Band ganz Zielgruppen-bewusst mehrere Grunge-Klassiker, die sie nicht einmal umdichten musste. Das Ambiente eines christlichen Konzerts tat seinen eigenen Effekt.
Ein solches Ambiente stellt sich bei solchen Veranstaltungen schnell ein. Einerseits sind die Besucherinnen und Besucher ungemein tolerant und freundlich. Es herrscht immer eine Art aggressiver Freundlichkeit vor, die wenig zu fassen ist, aber doch schnell Angst macht. Ein gewisser Gruppendruck. Niemand raucht, alle lächeln, eigentlich streitet sich nie jemand, Alkohol ist wirklich selten. Und dennoch kann man sich dem Eindruck nicht entziehen, dass all dies schnell umschlagen könnte. Das war auch diesmal nicht anders. Die rund 600-700 Besucherinnen und Besucher vereinnahmten schnell den Platz um die Bühne und den gesamten Grunge. (Und das, obwohl eine der Haupttaten Nirvanas und anderer Grunge-Bands einst darin bestand, auf einem Konzert für das Recht auf Abtreibung aufzutreten.)
Der zweiten Teil des Konzerts von No Longer Music ging dann schon klarer zur Sache. Nachdem thematisch mit dem Zitat von Grunge klar gemacht wurde, dass wir alle uns irgendwie einsam fühlen und die Welt uns nicht versteht, wurde die christlich-fundamentalistische Sexualmoral bedient.
Musiker: „I believe in Sex!“
Publikum: „Ja.“
Musiker: „I believe in having sex everyday!“
Publikum (leiser): „Ja.“
Musiker: „I believe in having sex, as often as I want.“
Publikum: „…“
Musiker: „But only after marriage!“
Publikum: Jubel.
Ein billiger Effekt, aber er funktionierte.
Danach folgte ein Songreigen, der in einem Lobgesang über einen Superhelden names Captain Virgin endete. Das wurde vom Publikum zustimmend begleitet. Eine Begründung war dafür nicht nötig, da diese Haltung zur Grundüberzeugung des christlichen Fundamentalismus gehört. Nur, dass sie hier nicht als persönliche Entscheidung gefeiert, sondern als öffentliches Statement zelebriert wurde.
Der letzte Teil des Konzertes stellte den authoritätshörigen Teil der radikal-christlichen Gedankenwelt dar.
Das ganze muss man sich als Schauspiel vorstellen. Die Gruppe hatte auf der Bühne durch Musik und Showeffekte eine leicht schaurige Stimmung erzeugt, eine Figur trat als Teufel auf (auch wenn das nicht ganz so direkt gesagt wurde). Es begann mit einem Liebeslied. Ein Mann macht eine Frau an, die reagiert positiv, doch dann, im Hintergrund der Bühne weist sie ihn offenbar zurück. Währenddessen propagiert der Teufel, dass alle frei seien und tun und lassen könnten, was sie wollten. („There are no rules. You can do what you want.“) Der freie Willen wurde als Bedrohung herbei zitiert, die moderne Welt als grundsätzlich moral- und grenzenlos, wie im Laufe des Stückes schnell klar wurde.
Erst wurde eine weitere Figur als Folteropfer des Teufels dargestellt, aber das war eine Nebengeschehen. Es lief alles auf eine versuchte Vergewaltigung und Tötung der verführten – also im christlich-fundamentalistischen Denken fast schon vollständig gefallenen – Frau heraus. Ihr Verführer und ein weiterer Mann zerrten schon an ihr, der Teufel rief: „Kill.“ bis die Jesusfigur „No.“ schrie und sich statt ihrer anbot, zu sterben. Das Ganze war höchst dramatisch inszeniert, auch weil es von populären Bildern lebte und kontrastreich dargestellt wurde.
So wurde Jesus also getötet. Erst an ein Metallkreuz geflext, dann wurde ihm die Kelle durchgeschnitten. Immer noch alles sehr eindrucksvoll, mit ordentlich großem Messer, Blut und Lichteffekten. Im nächsten Bild lag Jesus im Sarg, seine Mörder liefen bestürzt fort. Die gerettete Frau lag schluchzend am Boden. Der Teufel ging zu ihr und verkündete, dass dies – nachdem „Mister Niceguy“ endlich tot sei – ihre Zukunft sei. Aber Jesus stieg aus seinem Sarg heraus, lebte, hob die Frau auf, sagte ihr, dass sie keine Lügen mehr glauben müsse, weil er für sie gestorben sei. Dann versöhnte er sie auch noch mit ihrem Vergewaltiger und der Teufel verdückte sich.

Der Inhalt ist klar und leicht dargestellt: Der Freie Wille ist eine Strategie des Teufels, er führt zu 1.) Vergewaltigung, 2.) Mord und 3.) Drogennutzung (was eher im Hintergrund dargestellt wurde). Und so etwas glauben die christlichen Fundamentalistinnen und und Fundamentalisten tatsächlich. Dies erscheint vielleicht als gut inszeniertes Laientheater, es ist aber eine Darstellung ihres Glaubens und ein Angebot, ihn anzunehmen. Jesus ist die Lösung gegen den „Freien Willen“, die Unterordnung unter den Glauben gilt tatsächlich als seligmachend, so sehr, dass sich Vergewaltiger und Opfer, Mörder und Ermordeter in die Arme fallen können.
Der Jesusdarsteller gab am Ende des Konzertes, bevor sich alle auf der Wiese zum Reden treffen sollten, noch mal eine Deutung der biblischen Geschichten. Danach wollte Jesus die Menschen befreien, sie aus den falschen Gesetzen in die Freiheit führen. „But the religious people hated him so much, there try to kill him.“ Bedeuten soll das – jetzt mal eine positivere Deutung unterstellt –, dass Jesus unnötige und falsche Regeln bricht, die die Welt einem auferlegt; so wie sich Jugendliche halt oft und nicht zu Unrecht eingezwängt fühlen, zwischen unnützen Regeln und Normen. Man soll sich gegen diese Regeln wehren, indem man ausbricht, nicht an den Jesus der großen christlichen Kirchen glaubt, sondern an einen persönlichen. Aber mit der Bibel im Hintergrund wird das schnell zu einer antisemitischen Aussage. Letztlich waren die religiösen Menschen nun mal die Juden und nicht nur Mel Gibson hat aus dieser Geschichte antisemitische Propaganda produziert.
Propaganda.
Und all das fand mitten im Mauerpark statt, die Ausläufer sind noch bis zum 29.08. dort zu besichtigen. Der religiöse Wahn dieser Gruppen ist gut eingelassen in den alternativen Lebensstil, der auch im Mauerpark gepflegt wird. Ohne jede Verstellung.