chaze

regt sich auf & erklärt das universium

Weggegangen – Platz vergangen

Extra 3 beim Tag der Heimat. Nicht die beste Satire, die jemals gesendet wurde, aber fraglos lustig. Auch wenn die Vertriebenen wirklich leichte Opfer sind: da muss man ja nur eine Kamera hinhalten und schon reden die Blödsinn.

(Bzw. beim NDR: http://www3.ndr.de/ndrtv_pages_video/0,,SPM2362_VID4976852,00.html)
Und die T-Shirts der Aktion gibts hier: http://extra3.blog.ndr.de/2008/09/11/supertolle-t-shirts-und-kappen-zu-gewinnen/

13. September 2008, 21:17 | Abgelegt unter: Die Medien, Aktionismus | Tags: | 1 Kommentar

Religiöses Pack

Okay,

sich mit religösen Fundamentalistinnen und Fundamentalisten zu beschäftigen, ist in der deutschen Linken eher eine seltene Tätigkeit. Das Vorgehen gegen das Christival in Bremen im April war da eher die Ausnahme. Was allerdings zum Glück auch daran liegt, dass die nicht solchen politischen Einfluss haben, wie in großen Teilen der restlichen Welt. Dennoch: in den nächsten Monaten kommen gleich mehrere Veranstaltungen (in Berlin) auf uns zu, an denen sich eine solche Auseinandersetzung lohnen würden. Eine kurze Übersicht für Menschen, die Bock haben, da was zu machen:

- 20. September 2008, 12-14 Uhr: 1000 Kreuze für das Leben. Das wohl heftigste: eine Demo von christlich-fundamentalistischen Abtreibungsgegnerinnen und -gegnern. Wer schon einmal diese Demo gesehen hat, weiß es vielleicht noch: Da laufen vielleicht fünfhundert (vorrangig) schweigende Menschen, die ihre Kinder zu diesem – nun ja – Ausflug mitbringen, mit großen weißen Kreuzen zwischen Rotem Rathaus und St. Hedwigskathedrale entlang. Und die Polizei ist, so die Erfahrung, zumeist eher sehr genervt von jedem Protest und nimmt auch schon mal Leute mit, weil die sich mit einem Transparent an den Rand der Demo stellen. Vorher gibt es Programm mit – oje – christlicher Musik und den Reden, die diese Leute sonst auch halten, nur diesmal öffentlich. Dazu das ganze Propaganda-Zeug dieser Bewegung, dass zwar mit etwas Biologie-Kenntnissen eigentlich von jeder und jedem als Blödsinn erkannt werden müsste, obwohl es trotzdem beängstigend ist.
Veranstaltet wird die Demo von Dachverband dieser – nun ja – Bewegung, dem Bundesverband für Lebensrecht e.V. ( Aufruf hier.) Interessant kann die ganze Sache werden, dass diese Demo von der AUF-Partei (Arbeit Umwelt Familie) mit unterstützt wird. Diese Partei hat sich im Januar von der Partei Bibeltreuer Christen abgespalten und auch von den anderen beiden christlich-fundamentalistischen Kleinstparteien Mitglieder abgeworben. Programmatisch ging es bei der Abspaltung darum, dass die AUF-Partei offensiver in der Öffentlichkeit auftreten möchte, hauptsächlich mit Kampagnen, um damit in die Parlamente zu kommen. Weniger interne Veranstaltungen, mehr Großevents außerhalb der Gebetsräume – so ungefähr der Ansatz. Das scheint die erste größere Aktion zu sein, an der die Partei teilnimmt. Vielleicht wäre es ganz gut (für den Rest der Welt), wenn genau diese erste Veranstaltung grandios scheitert.

- 19. Oktober 2008, 14.30 Uhr. Der Dalai Lama hält eine Rede zum buddhistischen Leben („Die Wissenschaft vom Glück“), in der O2-World. Das ist zwar keine öffentliche Veranstaltung, aber man kann sich schon denken, was dort passiert. Tibet-Freundinnen und -Freunde, denen die Gewaltätigkeit und der Rassismus der tibetischen Nationalbewegung irgendwie verborgen geblieben sind, hören leuchtenden Auges die Ausführungen eines Feudalherrschers, der während seiner Regierungszeit eines der radikalsten religiösen Regime seiner Zeit führte, welches durch eine massive Ausbeutung des größten Teils der Bevölkerung zum Wohle der religösen Kaste gekennzeichnet war. (Das wird ja nicht richtig, nur weil die chinesische Volksarmee einmarschierte und damit eine andere Diktatur kam.)
In der Rede wird es um Frieden, Liebe, Erleuchtung gehen – aber gemeint ist damit beim Dalai Lama ja die quasi-blinde Unterordnung unter einen unveränderlichen Lauf des Lebens. Nur halt mit einigen herrschenden Mönchen und der Vorraussetzung, dass alle ihre Position in der jeweiligen Gesellschaft als „richtig“ erkennen und damit zufrieden sind.

- Ab September: Volksbegehren mit öffentlichem Unterschriftensammeln. Okay, vor zwei Jahren (oder so) wurde offenbar der Ethikunterricht an Berliner Schulen Pflicht. Nun ja, man muss die Schulpolitik jetzt nicht loben, aber solange Kinder in der Schule auch Sport treiben müssen – gibt es wirklich andere Probleme. Es gibt aber eine Initiative namens „Pro Reli“, die unbedingt wollen, dass Kinder die Wahl haben sollen zwischen Ethik- ODER Religionsunterricht haben sollen. Will heißen: Kinder religiöser Eltern sollen bloß nicht in diesen sekulären Unterricht. Wer weiß, was die da lernen.
Die Argumente der Initiative sind Blödsinn: Kinder können nur tolerant werden, wenn sie ihre religiösen Grundlagen kennen. (Okay, eigentlich ist es nur ein wirkliches Argument. Aber das ist auch schon Blödsinn: Kinder müssen erst Lernen, Christen und Christinnen – darum geht es der Initiative, auch wenn sie immer von Religion spricht – zu sein, um dann andere akzeptieren zu können. Humanistische Werte – whatever that means – sind dafür nicht geeignet. Das läuft die ganze Zeit darauf hinaus, dass die Schulen die Kinder mit christlichen Werten und Geschichten zubomben sollen. Es geht um christliche Mission im Jugendalter. Nur sagt das die Initiative nicht, sie redet von Wahlfreiheit, was absurd ist, weil alle Schülerinnen und Schüler auch in der Religionsunterricht jeder Religion gehen dürfen, wenn sie wollen. Nur halt außerhalb der Schulzeit und mit dem Vorbehalt, dass sie im Ethikunterricht auch etwas davon hören müssen, dass es Positionen gibt, die besagen, dass Religionen allesamt Unterdrückungsmechanismen sind. Und das die Menschheit einen großen Schritt in Richtung Emanzipation machte, als die ersten Religionen zu akzeptieren begannen, dass andere Menschen andere religiöse Ansichten haben und die Welt nicht untergeht, wenn Menschen gar keine Religion haben.)
Okay. Das großen Problem ist nun, dass die Initiative die erste Stufe des Volksbegehrens erreicht hat und nun in der zweiten Runde in der Öffentlichkeit (und nicht in Bürgerämtern) 170.000 Unterschriften sammeln will. Sie werden also im Stadtbild rumstehen und ihren christlich-fundamentalistischen Blödsinn (den darum geht es bei dieser Initiative, dass ist nicht der Pfarrer von nebenan, der sich auch an der Antifa-Demo beteiligt, weil er aus eigener Überzeugung gegen Nazis ist, es geht auch nicht um die Pastorin in der mecklemburgischen Kleinstadt, die als einzige nicht-rechten Jugendlichen einen Raum zur Verfügung stellt und irgendwie als der letzte Vorposten der Zivilisation in ihrer Kleinstadt gilt — es geht bei der Initiative um radikale Christinnen und Christen, die eine größen Einfluss in Schulen wollen) öffentlich verbreiten wollen. Oh-Je.
[Außerdem, nochmal kurz zur Schulpolitik: wenn es ein Wahlpflichtfach Ethik oder Religion geben sollte, wäre das ein Schritt der Kirchen und anderen religiösen Vereinigungen weiter in die Berliner Schulen hinein. Bislang ist Religion – auch schon vor dem Ethikunterricht – ein freiwilliges Fach. Es wird angeboten, man geht hin oder auch nicht. Es gibt keine Zensuren, keine staatlichen Lehrplan. That’s it. Klar, es gibt Probleme mit einigen expliziten Schulen, insbesondere der islamische Religionsunterricht wird da immer wieder kritisiert. Aber das ist eine andere Frage. Wichtig ist: bisher geht man hin oder auch nicht. Gibt es nun ein Wahlpflichtfach, dann wird Religion ein Status eingeräumt, den es bislang in Berlin nicht hat: es wird ein anerkanntes Fach, dass man nur im Austausch mit einem anderen richtigen Fach besuchen kann. Fehlt nur noch, dass man Zensuren dafür kriegt, die Bibel zu kennen und die Geschichten nachzuerzählen.]

01. August 2008, 11:42 | Abgelegt unter: Nerviges, Aktionismus, Das ist die Welt, in der wie leben | Tags: | 4 Kommentare

Juhu, ein neues Feindbild (Jesuspack)

Na hallo, da überlegt man sich, ob man der Herbststimmung nachgeben und sich in langweilige Aufgaben stürzen sollte und dann taucht ein neues Feindbild auf und man hat wieder was, zum Überlegen, ob man dagegen was machen sollte.
Pro Reli“ – was soll das den bitteschön? Ein Initiative, die in Berlin eine „Wahlmöglichkeit zwischen Religionsunterricht und Lebenskunde-Ethik-Religion“ fordert und dafür eine sogar eine Volksbegehren gestartet hat. Ansonsten hätte ich die nicht wahrgenommen.

Was für ein Pack. Man kann ja von Lebenskunde-Ethik-Religion halten, was man will. Aber von Religionsunterricht kann man nur eines fordern: das er aufhören soll. Wenn es tatsächlich Menschen gibt, die 2007 noch so dumm sind, irgendeiner Religion angehören zu müssen, dann ist das deren Entscheidung und dann sollen sie ihre eigene Lebenszeit dafür hergeben und nicht etwa für sich Sonderregelungen fordern. Und schon gar nicht solche, wo sie möglichst von der Erkenntnis ferngehalten werden, dass ihre Entscheidung eine Minderheitenposition ist – wenn die Schule schon bei der Vermittlung von Religionskritik versagt.
Das gehört noch weiter ausgearbeitet, aber die Zielrichtung ist klar. Wenn Menschen schon dazu gezwungen werden, in Schulen zu gehen, dann sollen sie da von solchem Wahnsinn wie Religion ferngehalten werden. So gehört sich das in einer säkularen Gesellschaft. Und eines der wenigen guten Dinge an Deutschland ist, dass es eine grundsätzlich säkulare Gesellschaft ist – auch wenn das bisher leider nicht für alle Bereiche stimmt.
Das sich die Initiative auch noch erdreistet von „Wertevermittlung“ und „Toleranz gegenüber Andersdenkenden“ zu reden, zeigt nur den Verblendungszusammenhang [hehe] an, in den sie sich begeben hat. Wie stellen die sich das vor? Nur weil ich irgendwas von Jesus, Buddha, Abraham und Mohammed höre, beginne ich den Rest der Welt zu verstehen? Was ist das bitte für ein Weltbild?
Für Atheismus in der Schule! Gebt den Kindern Unterricht in Psychopharmaka und kulturwissenschaftlicher Betrachtungsweisen der differenzierten Psychopharmakakulturen, dass bringt denen mehr Spass und Werte, als die Hoffnung, irgendwie doch nicht selber für das eigene Leben verantwortlich zu sein.

29. November 2007, 12:31 | Abgelegt unter: Aktionismus, Antidepressiva | Tags: | Comments Off

Parolenverlegenheit

Auf der Gedenkdemonstration anlässlich des 69. Jahrestages der sogenannten Reichsprogromnacht einem Jugendlichen mit höchstwahrscheinlich türkischem Migrationshintergrund, der sich aus seinem Fenster lehnt und angesichts der Israelfahnen „Scheiß Juden“ pöbelt mit der Parole „Nie, nie, nie wieder Deutschland“ und „Kampf dem Faschismus, Kampf dem Antisemitismus, nieder mit Deutschland und für den [irgendwas mit „-ismus“ am Ende]“ zu antworten … das ist etwas schwierig. Selbstverständlich: die Intervention ist notwendig. Und bestimmt sollte die radikale Linke die letzte Gruppe sein, die diesen Jugendlichen den rechtlichen Status als Deutsche absprechen sollte, den die meisten von ihnen heute doch haben. Insoweit sind sie auch Teil Deutschlands und deshalb mit Scheiße. Aber … komisch ist es doch. Veränderte Verhältnisse bedürfen neue Parolen und die sich als „türkisch/islamisch“ verstehenden rechtsextremen Subkulturen benötigen offenbar ganz schnell welche.
Und die antirassistisch engagierten Menschen im hinteren Teil der Demonstration sollten vielleicht das nächste mal überlegen, ob kurz nach solchen Situationen die Parole „Um Europa keine Mauer, Bleiberecht für alle und auf Dauer“ wirklich wirklich wirklich angemessen ist. Sicher, ja, stimmt ja. Auch rechtsextreme Jugendliche müsse sich niederlassen dürfen, wo sie wollen, da darf kein Staatenbund mit seiner rassistischen Abschottungspolitik dagegen stehen – schon damit man sie dort mit Bildung schlagen kann antifaschistisch gegen sie agieren kann. Aber irgendwie …

10. November 2007, 15:26 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Aktionismus, Das ist die Welt, in der wie leben | Tags: | Comments Off

aber auch wirklich

Banner zur Kundgebung gegen den 50. Jahrestag des Bundes der Vertriebenen, 22.10.2007 in Berlin

20. Oktober 2007, 12:48 | Abgelegt unter: Aktionismus | Tags: No Tags | Comments Off

Jesuspack im Mauerpark

Der Christliche Fundamentalismus in Deutschland. Normalos und Jugendbewegte
Das Gefährliche am christlichen Fundamentalismus in Deutschland ist, dass er relativ unbemerkt Einfluss gewinnt. Seine Trägerinnen und Träger sind meist unauffällig. Sie gehören dazu: Nette Familien mit Haus, Job und Kindern, erfolgreiche Unternehmer, rüstige Rentnerinnen und Rentner; nette, oft sozial interessierte Jugendliche. Das ist der Großteil der sozialen Basis christlicher Gruppen in Deutschland. Gebildeter Mittelstand, in vielen Feldern – zum Beispiel bei Kontakten mit Nicht-Deutschen oder dem Engagement für Behinderte – liberaler und engagierter, als der gesellschaftliche Durchschnitt. Und doch oder gerade auf der Suche, ihre eigenen fundamentalistischen moralischen und politischen Grundsätze der Gesellschaft aufzudiktieren.
Rechtsextreme, Islamisten – wenn diese versuchen, ihr Weltbild zu propagieren, ist dies oft auffälliger und erfährt mehr Gegenwehr. Christliche Fundamentalistinnen und Fundamentalisten hingegen sind oft so sehr gesellschaftlich verankert, dass sie sich ohne Probleme in allen möglichen Lebensbereichen ausbreiten und fast überall auftreten können, ohne dass sich jemand daran zu stören scheint. Nur wenn sie zu traditionell werden, wie die Singegruppen auf dem Alexanderplatz oder an den Universitäten in Berlin mit Gitarren und eindeutigen Texten, werden sie belächelt.
Aber viele radikal-christliche Gruppe sind nicht so. Die Jesus Freaks beispielsweise sind hauptsächlich Jugendliche aus eher links besetzten Jugendkulturen – Punk, Hardcore, Skins, Gothic –, die sie oft auch sehr intensiv in Auftreten und Rezeption ausleben. Oder Teen Challenge, ein anderes Beispiel, ist ein international agierender Verein, der Jugendarbeit und radikalen Missionsanspruch miteinander verbindet. Und das relativ professionell.

Aktionswoche.
Diese beiden Gruppen – die zweite offiziell, die andere praktisch – veranstalten zur Zeit, seit dem 22.08 bis zum 29.08 – vollkommen unbehelligt – im Mauerpark eine „Aktionswoche“ unter dem Titel „Ausbruch aus dem Rattenkäfig“. Zwischen den normalen Besucherinnen und Besuchern des Parks, zwischen den Sommerbars am Rand, halten sie dort Gottesdienste, Kino, Gesprächskreise ab und versuchen, wie es bei ihnen heißt, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Nur sind diese Gespräche nicht wirklich Gespräche, da sie ein eindeutiges Ziel haben, nämlich die anderen von der Glaubensauslegung dieser Jesus-Fans zu überzeugen. Gleichzeitig sind solche Fest, wie in allen Szenen, selbstverständlich immer auch ein Freizeitangebot an die eigene Klientel.

Dabei ist die Argumentation bei dieser Aktion relativ simpel:

  1. Wir alle leben in einer Welt, die wie ein Rattenkäfig ist.
  2. Wir müssen ausbrechen, den sonst gehen wir als Individuen unter.
  3. Jesus ist die Hilfe zum Ausbruch. Er ist für uns gestorben, also müssen wir nicht mehr in diesem Käfig stecken.

Das ist selbstverständlich keine wirklich konsistente Weltdeutung, nicht nur weil der Sprung von zweiten zum dritten Punkt nicht wirklich folgerichtig ist. Aber es zeigt ungefähr die Argumentationslinie auf der sich der jugendbewegte christliche Fundamentalismus bewegt. Er greift populäre Bilder der Jugendkultur auf und biegt sie auf Jesus hin. Was besonders dann gefährlich wird, wenn man weiß, dass hinter „Jesus“ bei den Freaks oft – aber nicht immer – asketische Ansprüche an die Individuen stehen und der Glaube an ein lenkendes Wesen1 im Kampf gegen den Teufel.
Dieser Rattenkäfig, der als Bild aufgerufen wird, ist allerdings so sehr Teil verschiedener Jugendkulturen, dass das Ziel auf den ersten Blick nicht deutlich wird. Bob Marley sang vom „Ratrace“, diverse filmische Dystopien stellen die Welt als Käfig vor – man denke nur an Twelve Monkeys – und auch heute noch werden Tracks veröffentlicht, die das moderne Leben als ziel- und damit sinnlos darstelle. Politisch gewendet kann eine solche Haltung leicht in anti-moderne Vorstellungen abgleiten. Oder halt eine Lebensphase darstellen, die viele Menschen – vor allem in ihrer Jugend – mehr oder minder intensiv ausprägen.

Konzert.
An dieses Denken setzten Teen Challenge und Jesus Freaks an, als sie am Freitag, den 24.08, ein Konzert mit diversen Gothic/Industrial-Bands im Mauerpark veranstalteten. Nicht, dass dies reine Berechnung gewesen wäre. Viele Jesus Freaks stehen genau auf solche Musik, nur dass sie christliche Texte hören wollen. Viele Jesus Freaks hängen auch gerne persönlich im Mauerpark ab. Und letztlich haben viele christliche Bands aus diesem Musikbereich eine technische Perfektion erreicht, die von anderen Bands selten oder erst im professionellen Bereich erlangt wird. Insoweit war dieses Konzert folgerichtig.

Hauptact war die Amsterdamer Gruppe „No Longer Music“. Diese tritt als Punk/Industrial/New Wave-Band mit Schauspielqualitäten auf. Inhaltlich geht es schnell und hart zur christlichen Sache, technisch ist auch diese Band erschreckend gut. Während der Propagandaeffekt von (z.B.) Antifa-Solipartys oder Konzerten gegen Rechts oft und schnell an den Qualitäten der Künstlerinnen und Künstler scheitert, passiert das mit einer solchen Band nicht.

Im ersten Teil der Veranstaltung coverte die Band ganz Zielgruppen-bewusst mehrere Grunge-Klassiker, die sie nicht einmal umdichten musste. Das Ambiente eines christlichen Konzerts tat seinen eigenen Effekt.
Ein solches Ambiente stellt sich bei solchen Veranstaltungen schnell ein. Einerseits sind die Besucherinnen und Besucher ungemein tolerant und freundlich. Es herrscht immer eine Art aggressiver Freundlichkeit vor, die wenig zu fassen ist, aber doch schnell Angst macht. Ein gewisser Gruppendruck. Niemand raucht, alle lächeln, eigentlich streitet sich nie jemand, Alkohol ist wirklich selten. Und dennoch kann man sich dem Eindruck nicht entziehen, dass all dies schnell umschlagen könnte. Das war auch diesmal nicht anders. Die rund 600-700 Besucherinnen und Besucher vereinnahmten schnell den Platz um die Bühne und den gesamten Grunge. (Und das, obwohl eine der Haupttaten Nirvanas und anderer Grunge-Bands einst darin bestand, auf einem Konzert für das Recht auf Abtreibung aufzutreten.)
Der zweiten Teil des Konzerts von No Longer Music ging dann schon klarer zur Sache. Nachdem thematisch mit dem Zitat von Grunge klar gemacht wurde, dass wir alle uns irgendwie einsam fühlen und die Welt uns nicht versteht, wurde die christlich-fundamentalistische Sexualmoral bedient.
Musiker: „I believe in Sex!“
Publikum: „Ja.“
Musiker: „I believe in having sex everyday!“
Publikum (leiser): „Ja.“
Musiker: „I believe in having sex, as often as I want.“
Publikum: „…“
Musiker: „But only after marriage!“
Publikum: Jubel.

Ein billiger Effekt, aber er funktionierte.
Danach folgte ein Songreigen, der in einem Lobgesang über einen Superhelden names Captain Virgin endete. Das wurde vom Publikum zustimmend begleitet. Eine Begründung war dafür nicht nötig, da diese Haltung zur Grundüberzeugung des christlichen Fundamentalismus gehört. Nur, dass sie hier nicht als persönliche Entscheidung gefeiert, sondern als öffentliches Statement zelebriert wurde.
Der letzte Teil des Konzertes stellte den authoritätshörigen Teil der radikal-christlichen Gedankenwelt dar.2
Das ganze muss man sich als Schauspiel vorstellen. Die Gruppe hatte auf der Bühne durch Musik und Showeffekte eine leicht schaurige Stimmung erzeugt, eine Figur trat als Teufel auf (auch wenn das nicht ganz so direkt gesagt wurde). Es begann mit einem Liebeslied. Ein Mann macht eine Frau an, die reagiert positiv, doch dann, im Hintergrund der Bühne weist sie ihn offenbar zurück. Währenddessen propagiert der Teufel, dass alle frei seien und tun und lassen könnten, was sie wollten. („There are no rules. You can do what you want.“) Der freie Willen wurde als Bedrohung herbei zitiert, die moderne Welt als grundsätzlich moral- und grenzenlos, wie im Laufe des Stückes schnell klar wurde.
Erst wurde eine weitere Figur als Folteropfer des Teufels dargestellt, aber das war eine Nebengeschehen. Es lief alles auf eine versuchte Vergewaltigung und Tötung der verführten – also im christlich-fundamentalistischen Denken fast schon vollständig gefallenen – Frau heraus. Ihr Verführer und ein weiterer Mann zerrten schon an ihr, der Teufel rief: „Kill.“ bis die Jesusfigur „No.“ schrie und sich statt ihrer anbot, zu sterben. Das Ganze war höchst dramatisch inszeniert, auch weil es von populären Bildern lebte und kontrastreich dargestellt wurde.
So wurde Jesus also getötet. Erst an ein Metallkreuz geflext, dann wurde ihm die Kelle durchgeschnitten. Immer noch alles sehr eindrucksvoll, mit ordentlich großem Messer, Blut und Lichteffekten. Im nächsten Bild lag Jesus im Sarg, seine Mörder liefen bestürzt fort. Die gerettete Frau lag schluchzend am Boden. Der Teufel ging zu ihr und verkündete, dass dies – nachdem „Mister Niceguy“ endlich tot sei – ihre Zukunft sei. Aber Jesus stieg aus seinem Sarg heraus, lebte, hob die Frau auf, sagte ihr, dass sie keine Lügen mehr glauben müsse, weil er für sie gestorben sei. Dann versöhnte er sie auch noch mit ihrem Vergewaltiger und der Teufel verdückte sich.

Der Inhalt ist klar und leicht dargestellt: Der Freie Wille ist eine Strategie des Teufels, er führt zu 1.) Vergewaltigung, 2.) Mord und 3.) Drogennutzung (was eher im Hintergrund dargestellt wurde). Und so etwas glauben die christlichen Fundamentalistinnen und und Fundamentalisten tatsächlich. Dies erscheint vielleicht als gut inszeniertes Laientheater, es ist aber eine Darstellung ihres Glaubens und ein Angebot, ihn anzunehmen. Jesus ist die Lösung gegen den „Freien Willen“, die Unterordnung unter den Glauben gilt tatsächlich als seligmachend, so sehr, dass sich Vergewaltiger und Opfer, Mörder und Ermordeter in die Arme fallen können.
Der Jesusdarsteller gab am Ende des Konzertes, bevor sich alle auf der Wiese zum Reden treffen sollten, noch mal eine Deutung der biblischen Geschichten. Danach wollte Jesus die Menschen befreien, sie aus den falschen Gesetzen in die Freiheit führen. „But the religious people hated him so much, there try to kill him.“ Bedeuten soll das – jetzt mal eine positivere Deutung unterstellt –, dass Jesus unnötige und falsche Regeln bricht, die die Welt einem auferlegt; so wie sich Jugendliche halt oft und nicht zu Unrecht eingezwängt fühlen, zwischen unnützen Regeln und Normen. Man soll sich gegen diese Regeln wehren, indem man ausbricht, nicht an den Jesus der großen christlichen Kirchen glaubt, sondern an einen persönlichen. Aber mit der Bibel im Hintergrund wird das schnell zu einer antisemitischen Aussage. Letztlich waren die religiösen Menschen nun mal die Juden und nicht nur Mel Gibson hat aus dieser Geschichte antisemitische Propaganda produziert.3

Propaganda.
Und all das fand mitten im Mauerpark statt, die Ausläufer sind noch bis zum 29.08. dort zu besichtigen. Der religiöse Wahn dieser Gruppen ist gut eingelassen in den alternativen Lebensstil, der auch im Mauerpark gepflegt wird. Ohne jede Verstellung.

  1. Ob das immer Jesus und/oder Gott ist, könnte man theologisch bestreiten, so wie das bei den Jesus Freaks dargestellt wird. Aber das ist ein Thema für Gläubige. [zurück]
  2. Wobei die gelieferte Darstellung auch in christlichen Kreisen umstritten sein wird, immerhin stellte sich der Sänger der Band sehr klar als Jesus dar, der getötet wurde und wieder auferstand. Anderswo gilt solcherlei als Blasphemie, was nur zeigt, wie divers die einzelnen Ausprägungen der christlichen Glaubens sind. [zurück]
  3. Zumal die Erzählung historisch falsch ist, letztlich waren es die Römer, die, wenn Jesus tatsächlich eine historische Person gewesen sein sollte, ihn, wie unzählige andere, ans Kreuz nagelten. Aber das ist eine andere Geschichte. Das Problem mit dem Christentum ist ja nicht, dass es die römische Geschichte falsch darstellen würde. [zurück]

25. August 2007, 18:29 | Abgelegt unter: Allgemein, Nerviges, Aktionismus | Tags: | Comments Off

Wer gegen was?

Okay, der Köpi geht’s nicht gut. Versteigert, räumungsbedroht und mitten in einem Gebiet, dass zumindest nach bestimmten Plänen aktiv gentrifiziert werden soll. Dagegen versucht sich die „Hauserszene“ mit altbekannten Ritualen und wirklich wirklich blöden Sprüchen1 zu – nun ja – wehren. Davon kann man ja halten, was man will.
Und man kann sich seiner Freundinnen und Freunde nicht immer aussuchen. Nicht zuletzt ist die Köpi an sich ja so was wie ein Hotspot für Verschwörungstheorien. Aber es wäre schon interessant zu erfahren, ob „die Köpi“ es gut finden, dass die schon richtig heftigen Verschwörungstheoretiker von „Loose Change“ sie so direkt unterstützen, wie sie es auf diesen Aufklebern (aus Neukölln) tun:

[Es gab noch andere Versionen. Aber ich habe, wie andere, wieder mal erst reagiert und dann ans photographieren gedacht. Vielleicht hat wer anders noch andere Bilder.]

  1. Ernsthaft hängt aktuell ein Transparent am Zaun der Köpi, in der der „Stadtumbau“ „häßlich“ genannt wird. Als wenn das das Problem mit der Gentrifizierung wäre. Und vor allem: wer nennt da was häßlich? [zurück]

24. August 2007, 23:44 | Abgelegt unter: Nerviges, Die deutsche Linke, Aktionismus, Bestimmt wissens eh schon alle, Wo ich jetzt in Neukölln wohne | Tags: | Comments Off

Was wird Lafontaine tun?

Für die Partei von Lafontaine, und nicht nur für diese, ist ja eines der wirklich wirklich wirklich großen Probleme am Kapitalismus nicht die allgemeine Verfaßheit dieses Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, nicht die In-Wert-Setzung der/des Einzelnen, die Produktionsverhältnisse, die Krisenhaftigkeit oder sonst so ein „Zeug“; es sind vor allem die Hedge-Fonds. Die Ausbeuter-Aufkäufer, die man früher mal als Yuppies verschrie, weil sie Handys hatten und Laptops, Firmen aufkauften, zerlegten und wieder verkauften (und heute sich vorher das investierte Geld von den gekauften Firmen zurückzahlen lassen). Das ist jetzt ja vorbei, der letzte junge Antifa hat Handy und Laptop (und braucht sie auch). Heute sind es die Hedge-Fonds, gegen die man sich ohne wenn und aber bekennt. Sagt zum Beispiel Lafontaine in einem Interview mit der Märkischen Allgemeinen:

Wenn wir Anträge in den Bundestag einbringen – etwa den, die hochspekulativen Hedge-Fonds in Deutschland nicht zuzulassen – dann tun wir das aus Überzeugung.

Moralgedöns also statt Antikapitalismus.
Und jetzt die Frage: Was macht diese Linke eigentlich, wenn die Hedge-Fonds zusammenbrechen? Also als Wirtschaftsform obsolet werden, wie große Industriebauten im Bereich der Wissensökonomie oder das Trucksystem? Rainer Sommer schreibt zumindest in einem Beitrag auf Telepolis, dass auch dieses Wirtschaftsform langsam an den Rand der Machbarkeit gelangt ist. (Und die Financial Times Deutschland sagt beispielsweise eigentlich auch nichts anderes.) Mit was wird der kämpferische Gestus dann ersetzt? Ich will es nicht wirklich wissen, aber lustig finde ich es schon.

22. Juli 2007, 14:14 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Aktionismus, Das ist die Welt, in der wie leben | Tags: | Comments Off

wo bleibt die sportverweigerung?

Wo heutegestern eher zufällig die „18-Uhr-Demo“ an mir vorbei rannte und ich Ähnliches bei anderen Demos der letzten Zeit beobachtet habe, eine Frage:
Wer zur Hölle hat eigentlich beschlossen, dass eine Demonstration heutzutage im Laufschritt abgehalten werden muss? Wieso wird heute eine Geschwindigkeit von geschätzten 25 Stundenkilometern vorgelegt? Ist das ein Fitnessprogramm? Was ist den bitteschön (1) mit dem Spruch „Sport ist Mord“, (2) mit dem Hedonismus („Wenn ich nicht rennen will, renne ich nicht“) und (3) mit dem Willen passiert, alle Menschen in die Demonstration einzubeziehen. Ich meine, selbst wenn ich gewollt hätte teilnehmen wollen,1 ich hätte die Geschwindigkeit nicht mitgehalten. Mit noch mehr Lebensjahren, mit Rollstuhl oder so, wäre das noch nicht mal mit großer Anstrengung möglich gewesen.

  1. Was nie zur Debatte stand. Wer wirklich bei einer Veranstaltung mit macht, auf der „Revolution“ einen eigenen Block haben – und vieles Erschreckend Dummes mehr zugelassen wird – sollte sich schämen. Und spätestens, wenn auf der Demo Leute in Thor Steinar Shirt (bzw. T-Hemd) mitlaufen dürfen, sollte auch klar sein, dass zumindest der antifaschistische Grundkonsens gering ist. Und so ist es dann auch tatsächlich geschehen. [zurück]

02. Mai 2007, 02:02 | Abgelegt unter: Nerviges, Die deutsche Linke, Kopfschütteln und Achselzucken, Aktionismus, Bestimmt wissens eh schon alle | Tags: | 8 Kommentare

Back in the 90’s

Was auch immer mich getrieben hat (vielleicht weil es wie ein Zitat aus vergangenen Tagen klang, als die GenossInnen sagten: „Ehy, is‘ Sponti. Kommst du mit?“): ich besuchte heute gestern abend die Spontandemostration in Lichtenberg (wegen Nazis, die am Sonntag drei Linke verprügelten). Erst waren wieder dutzende Menschen da, die einen nicht mögen oder die man selber nicht mag oder die sich untereinander nicht mögen … aber es geht ja gegen die Scheiß Nazis, nicht wahr? (Das war ungefähr die inhaltliche Seite der Demo.)
Alles war so unglaublich Neunziger. Treffen im Infoladen, original mit einer Wand, die mit alten Plakaten zugekleistert ist und wo – for real – die Interim verkauft wird. „Unauffällig“ zur Bahn, natürlich nicht, ohne aufzufallen. Am Veranstaltungsort wieder einmal richtig genervte Bullen Polizeibeamte, -beamtinnen und -angestellte, die ernsthafte Vorkontrollen durchführten, Platzverweise verhingen und einige Menschen gleich mitnahmen wegen Fahnen („gefährlicher Gegenstand“), irgendwelchem Zeug (Vorwurf unklar) und zudem sinnfreie Auflagen erteilten („Transparente auf der linken Seite nicht mehr als 1,50 Meter, auf der rechten Seite ist das egal.“)
Die Demo vollkommen ironiefrei Schwarz in Schwarz und ohne Lautsprecherwagen. Der Pulk rennt los, als gäbe es kein Morgen und keine Menschen, die weniger als 20 km/h auch ganz nett fänden. Die Parolen scheinen sich seit 1996 auch nicht verändert zu haben. Und immer noch muss man am Anfang so viel als möglich schreien, damit man ab Mitte der Demo nichts mehr rufen kann. Vor irgendeinem Naziladen, den man erkennt, weil die Polizei drumherum steht, muss man stehenbleiben, um irgendwas von der F.A.P. zu erzählen (immerhin schon 1995 verboten). Mehr war vom Redebeitrag nicht zu verstehen.
Unter der einzigen Brücke der Strecke muss man noch mal ganz viel durcheinander rufen, obwohl gerade hier niemand ist, den man irgendwas erzählen könnte. Und dann gemeinsam losrennen, einen Feuerwerkskörper in die Luft schießen. Alles so unglaublich Neunziger, nicht mehr autonom, aber noch irgendwie als Nachklang der autonomen Bewegung.
Und ganz schön Neunziger die Reaktion der Polizei auf das losrennen-und-was-in-die-Luft-schießen-Spiel: massiv in die „Demo gehen“, rumboxen, aber ganz schön heftig, und dann einen Menschen rausholen. Warum? Weiß man doch eh nie so genau. Vorher hatten sie jemand zu Boden geworfen und als er nicht der Gesuchte war, einfach liegen gelassen. So richtig Neunzigerjahremäßiges Rumgedrücke mit leichter Panik, Ketten mit Leuten, die man nicht kennt (und denen man trotzdem irgendwie vertrauen soll). Und dann weiter in Ketten rumstehen, als gäbe es jetzt noch mehr Haue. Wie die Silvio-Meier-Demonstrationen, damals.
Danach rasant weiter, die gleichen Parolen, etwas leiser. Abschließend durch die Rigaer Straße heimwärts. Wieder gefühlt, als wären die Antideutschen einer eher unbekannte Nebengruppe der Linken, die wichtigsten Diskussionen der Szene Sexismusdebatten und die Abgrenzung zur AAB (wegen und dem Text Neue Sachlichkeit, eigentlich aber auch, weil die AAB an sich mit ihrem Größenwahn nervte), so gefühlt, als würde in den Infoläden gerade diskutiert, ob die Bahamas wegen dem Artikel „Infantile Inquisition“ noch verkauft werden kann. Fast schien es sogar so, als sei Die Legend von Paul und Paula noch relativ neuer Stuff in der innerlinken Debatte.
Ach ja, die Neunziger. Eigentlich … Sekunde …

Hier, Anarchist Academy gehört dazu. Und unglaublich schlechte Indymedia-Kommentare. Alles wie damals, irgendwie. Aber danke, hat mir gereicht.

24. April 2007, 01:00 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Aktionismus, Bestimmt wissens eh schon alle | Tags: | Comments Off