chaze

regt sich auf & erklärt das universium

Religiöses Pack

Okay,

sich mit religösen Fundamentalistinnen und Fundamentalisten zu beschäftigen, ist in der deutschen Linken eher eine seltene Tätigkeit. Das Vorgehen gegen das Christival in Bremen im April war da eher die Ausnahme. Was allerdings zum Glück auch daran liegt, dass die nicht solchen politischen Einfluss haben, wie in großen Teilen der restlichen Welt. Dennoch: in den nächsten Monaten kommen gleich mehrere Veranstaltungen (in Berlin) auf uns zu, an denen sich eine solche Auseinandersetzung lohnen würden. Eine kurze Übersicht für Menschen, die Bock haben, da was zu machen:

- 20. September 2008, 12-14 Uhr: 1000 Kreuze für das Leben. Das wohl heftigste: eine Demo von christlich-fundamentalistischen Abtreibungsgegnerinnen und -gegnern. Wer schon einmal diese Demo gesehen hat, weiß es vielleicht noch: Da laufen vielleicht fünfhundert (vorrangig) schweigende Menschen, die ihre Kinder zu diesem – nun ja – Ausflug mitbringen, mit großen weißen Kreuzen zwischen Rotem Rathaus und St. Hedwigskathedrale entlang. Und die Polizei ist, so die Erfahrung, zumeist eher sehr genervt von jedem Protest und nimmt auch schon mal Leute mit, weil die sich mit einem Transparent an den Rand der Demo stellen. Vorher gibt es Programm mit – oje – christlicher Musik und den Reden, die diese Leute sonst auch halten, nur diesmal öffentlich. Dazu das ganze Propaganda-Zeug dieser Bewegung, dass zwar mit etwas Biologie-Kenntnissen eigentlich von jeder und jedem als Blödsinn erkannt werden müsste, obwohl es trotzdem beängstigend ist.
Veranstaltet wird die Demo von Dachverband dieser – nun ja – Bewegung, dem Bundesverband für Lebensrecht e.V. ( Aufruf hier.) Interessant kann die ganze Sache werden, dass diese Demo von der AUF-Partei (Arbeit Umwelt Familie) mit unterstützt wird. Diese Partei hat sich im Januar von der Partei Bibeltreuer Christen abgespalten und auch von den anderen beiden christlich-fundamentalistischen Kleinstparteien Mitglieder abgeworben. Programmatisch ging es bei der Abspaltung darum, dass die AUF-Partei offensiver in der Öffentlichkeit auftreten möchte, hauptsächlich mit Kampagnen, um damit in die Parlamente zu kommen. Weniger interne Veranstaltungen, mehr Großevents außerhalb der Gebetsräume – so ungefähr der Ansatz. Das scheint die erste größere Aktion zu sein, an der die Partei teilnimmt. Vielleicht wäre es ganz gut (für den Rest der Welt), wenn genau diese erste Veranstaltung grandios scheitert.

- 19. Oktober 2008, 14.30 Uhr. Der Dalai Lama hält eine Rede zum buddhistischen Leben („Die Wissenschaft vom Glück“), in der O2-World. Das ist zwar keine öffentliche Veranstaltung, aber man kann sich schon denken, was dort passiert. Tibet-Freundinnen und -Freunde, denen die Gewaltätigkeit und der Rassismus der tibetischen Nationalbewegung irgendwie verborgen geblieben sind, hören leuchtenden Auges die Ausführungen eines Feudalherrschers, der während seiner Regierungszeit eines der radikalsten religiösen Regime seiner Zeit führte, welches durch eine massive Ausbeutung des größten Teils der Bevölkerung zum Wohle der religösen Kaste gekennzeichnet war. (Das wird ja nicht richtig, nur weil die chinesische Volksarmee einmarschierte und damit eine andere Diktatur kam.)
In der Rede wird es um Frieden, Liebe, Erleuchtung gehen – aber gemeint ist damit beim Dalai Lama ja die quasi-blinde Unterordnung unter einen unveränderlichen Lauf des Lebens. Nur halt mit einigen herrschenden Mönchen und der Vorraussetzung, dass alle ihre Position in der jeweiligen Gesellschaft als „richtig“ erkennen und damit zufrieden sind.

- Ab September: Volksbegehren mit öffentlichem Unterschriftensammeln. Okay, vor zwei Jahren (oder so) wurde offenbar der Ethikunterricht an Berliner Schulen Pflicht. Nun ja, man muss die Schulpolitik jetzt nicht loben, aber solange Kinder in der Schule auch Sport treiben müssen – gibt es wirklich andere Probleme. Es gibt aber eine Initiative namens „Pro Reli“, die unbedingt wollen, dass Kinder die Wahl haben sollen zwischen Ethik- ODER Religionsunterricht haben sollen. Will heißen: Kinder religiöser Eltern sollen bloß nicht in diesen sekulären Unterricht. Wer weiß, was die da lernen.
Die Argumente der Initiative sind Blödsinn: Kinder können nur tolerant werden, wenn sie ihre religiösen Grundlagen kennen. (Okay, eigentlich ist es nur ein wirkliches Argument. Aber das ist auch schon Blödsinn: Kinder müssen erst Lernen, Christen und Christinnen – darum geht es der Initiative, auch wenn sie immer von Religion spricht – zu sein, um dann andere akzeptieren zu können. Humanistische Werte – whatever that means – sind dafür nicht geeignet. Das läuft die ganze Zeit darauf hinaus, dass die Schulen die Kinder mit christlichen Werten und Geschichten zubomben sollen. Es geht um christliche Mission im Jugendalter. Nur sagt das die Initiative nicht, sie redet von Wahlfreiheit, was absurd ist, weil alle Schülerinnen und Schüler auch in der Religionsunterricht jeder Religion gehen dürfen, wenn sie wollen. Nur halt außerhalb der Schulzeit und mit dem Vorbehalt, dass sie im Ethikunterricht auch etwas davon hören müssen, dass es Positionen gibt, die besagen, dass Religionen allesamt Unterdrückungsmechanismen sind. Und das die Menschheit einen großen Schritt in Richtung Emanzipation machte, als die ersten Religionen zu akzeptieren begannen, dass andere Menschen andere religiöse Ansichten haben und die Welt nicht untergeht, wenn Menschen gar keine Religion haben.)
Okay. Das großen Problem ist nun, dass die Initiative die erste Stufe des Volksbegehrens erreicht hat und nun in der zweiten Runde in der Öffentlichkeit (und nicht in Bürgerämtern) 170.000 Unterschriften sammeln will. Sie werden also im Stadtbild rumstehen und ihren christlich-fundamentalistischen Blödsinn (den darum geht es bei dieser Initiative, dass ist nicht der Pfarrer von nebenan, der sich auch an der Antifa-Demo beteiligt, weil er aus eigener Überzeugung gegen Nazis ist, es geht auch nicht um die Pastorin in der mecklemburgischen Kleinstadt, die als einzige nicht-rechten Jugendlichen einen Raum zur Verfügung stellt und irgendwie als der letzte Vorposten der Zivilisation in ihrer Kleinstadt gilt — es geht bei der Initiative um radikale Christinnen und Christen, die eine größen Einfluss in Schulen wollen) öffentlich verbreiten wollen. Oh-Je.
[Außerdem, nochmal kurz zur Schulpolitik: wenn es ein Wahlpflichtfach Ethik oder Religion geben sollte, wäre das ein Schritt der Kirchen und anderen religiösen Vereinigungen weiter in die Berliner Schulen hinein. Bislang ist Religion – auch schon vor dem Ethikunterricht – ein freiwilliges Fach. Es wird angeboten, man geht hin oder auch nicht. Es gibt keine Zensuren, keine staatlichen Lehrplan. That’s it. Klar, es gibt Probleme mit einigen expliziten Schulen, insbesondere der islamische Religionsunterricht wird da immer wieder kritisiert. Aber das ist eine andere Frage. Wichtig ist: bisher geht man hin oder auch nicht. Gibt es nun ein Wahlpflichtfach, dann wird Religion ein Status eingeräumt, den es bislang in Berlin nicht hat: es wird ein anerkanntes Fach, dass man nur im Austausch mit einem anderen richtigen Fach besuchen kann. Fehlt nur noch, dass man Zensuren dafür kriegt, die Bibel zu kennen und die Geschichten nachzuerzählen.]

01. August 2008, 11:42 | Abgelegt unter: Nerviges, Aktionismus, Das ist die Welt, in der wie leben | Tags: |

4 Kommentare

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  1. 2. August 2008 @ 10:47

    […] Die christlichen, diesmal nicht die islamistischen, Fundamentalisten sind auch in Deutschland nicht stumm. Sie blasen zum Angriff auf die Unmoral. Sie demonstrieren für ihren religiösen, entmüdigenden Schwachsinn. Also auf zum Protest! Chaze weist in diesem Zusammenhang hin auf einige interessante Termine. […]

    —Pingback von Fundamentalisten in der Offensive! « Analyse, Kritik & Aktion
  2. 23. August 2008 @ 17:05

    […] am 20.9. findet in berlin eine wirklich interessante veranstaltung statt – “1000 Kreuze für das Leben”: einige hundert menschen mit christlichem hintergrund marschieren durch berlin um gegen abtreibung zu protestieren. nachdem chaze bereits am 1. august auf diese grusel-veranstaltung hingewiesen hatte, wagte sich bikepunk 089 am 14. august ganz weit aus dem fenster und bot der “schnöseligen Hauptstadtlinken” eine wette an. “wir” würden nicht so viel gegen den dümmlichen kreuzzug hinbekommen, wie die genoss_innen im freitsaat bayern. ich nehme hiermit die wette an, obwohl berlin viel schlechtere vorraussetzungen hat. erstens ist an diesem wochenende auch köln und somit sind viele leute einfach nicht da und zweitens scheint es im netz eine verschwörung zu geben: sowohl beim maedchenblog als auch beim BERLINER asb wird zur zeit nur gegen den münchener aufmarsch zwei wochen später mobilisiert. doch trotz dieser widrigen umstände verspreche ich hiermit feierlich proteste – glaubt mir! “- 20. September 2008, 12-14 Uhr: 1000 Kreuze für das Leben. Das wohl heftigste: eine Demo von christlich-fundamentalistischen Abtreibungsgegnerinnen und -gegnern. Wer schon einmal diese Demo gesehen hat, weiß es vielleicht noch: Da laufen vielleicht fünfhundert (vorrangig) schweigende Menschen, die ihre Kinder zu diesem – nun ja – Ausflug mitbringen, mit großen weißen Kreuzen zwischen Rotem Rathaus und St. Hedwigskathedrale entlang. Und die Polizei ist, so die Erfahrung, zumeist eher sehr genervt von jedem Protest und nimmt auch schon mal Leute mit, weil die sich mit einem Transparent an den Rand der Demo stellen. Vorher gibt es Programm mit – oje – christlicher Musik und den Reden, die diese Leute sonst auch halten, nur diesmal öffentlich. Dazu das ganze Propaganda-Zeug dieser Bewegung, dass zwar mit etwas Biologie-Kenntnissen eigentlich von jeder und jedem als Blödsinn erkannt werden müsste, obwohl es trotzdem beängstigend ist. Veranstaltet wird die Demo von Dachverband dieser – nun ja – Bewegung, dem Bundesverband für Lebensrecht e.V. ( Aufruf hier.) Interessant kann die ganze Sache werden, dass diese Demo von der AUF-Partei (Arbeit Umwelt Familie) mit unterstützt wird. Diese Partei hat sich im Januar von der Partei Bibeltreuer Christen abgespalten und auch von den anderen beiden christlich-fundamentalistischen Kleinstparteien Mitglieder abgeworben. Programmatisch ging es bei der Abspaltung darum, dass die AUF-Partei offensiver in der Öffentlichkeit auftreten möchte, hauptsächlich mit Kampagnen, um damit in die Parlamente zu kommen. Weniger interne Veranstaltungen, mehr Großevents außerhalb der Gebetsräume – so ungefähr der Ansatz. Das scheint die erste größere Aktion zu sein, an der die Partei teilnimmt. Vielleicht wäre es ganz gut (für den Rest der Welt), wenn genau diese erste Veranstaltung grandios scheitert.” (http://chaze.blogsport.de/) […]

    —Pingback von hätt maria abgetrieben… « im*moment*vorbei
  3. 8. September 2008 @ 23:47

    […] christliche abtreibungsgegner_innen wollen am 20.9. in berlin und am 4.10. in münchen aufmarschieren, aber das wissen nun sicher schon die meisten von euch. denn neben mir, chaze und bikepunk089 haben jetzt auch viele viele andere was dazu geschrieben oder sogar aktionen geplant. wer die neue übersicht bei bikepunk089 oder den indymedia-artikel dazu gelesen hat, kann sich das hier eigentlich sparen, alle anderen – WEITERLESEN: […]

    —Pingback von 20.9. vs §218 - stand der dinge « im*moment*vorbei
  4. 9. September 2008 @ 01:49

    Die Ziele der AUF-Partei sind ja wohl klar! Sie ködern Wähler mit dem A (=Arbeit), äußern sich aber nicht zu HartzIV, Mindestlohn und sozialer Gerechtigkeit! Denn sie wollen es sich ja nicht von vornherein mit den neoliberal-globalkapitalistischen Blockparteien CDU, CSU, SPD, Grüne und FDP verderben! Und auch nicht mit den Kirchen und deren Institutionen (z.B. Caritas und Diakonie), welche ja bei ihren eigenen Mitarbeitern Ausbeutung durch Lohndumping betreiben. Ebensowenig mit „christlichen“ und anderen gelben Pseudo-Gewerkschaften.
    Sie ködern mit dem U (=Umwelt), um unzufriedene ehemalige Grünen-Wähler und Wähler diverser grün/öko-angehauchter Kleinstparteien zu sich herüberzuziehen! Und sie ködern mit dem F (=Familie) um auch damit weitere Wähler (z.B. von der Familienpartei) zu sich zu holen. Sie verwenden bewußt nicht das C (=christlich) um damit eventuelle Neuwähler nicht als evangelikale Partei abzuschrecken, verweisen aber gleichzeitig auf ihre „christliche“ Orientierung, um bisherige Wähler von den mit dem Attribut „christlich“ sich selbst beweihräuchernden Parteien (also CDU, CSU, CM, PBC) trotzdem für sich zu gewinnen, ebenso Wähler von der Zentrumspartei. Sie verwenden außerdem die Farben schwarz-rot-gold, um auch noch rechts von CDU bzw. CSU nach Wählern zu fischen.
    So erhoffen sie sich die 5%-Hürde zu knacken!
    Und was kommt dann?
    Wenn es für schwarz-gelb nicht reicht, dann bieten sie sich als Dritter im Bunde für eine Koalition an! Sie halten sich aber auch die Möglichkeit offen sich eventuell irgendwann irgendwo als weiterer Mehrheitsbeschaffer für rot-grün anzubieten.
    Auf diesem Weg wollen sie dann zu einer weiteren Verbreitung evangelikal-fundamentalistischer Ausprägung der Gehirnseuche Religion beitragen. Dann kommen auch von denen solche Forderungen wie Schöpfungssgeschichte statt Evolutionstheorie an den Schulen, gemeinsame Gebete vor Unterrichtsbeginn, Kruzifixe in allen öffentlichen Gebäuden, Verbot von Abtreibungen, Verschärfung des „Gotteslästerungsparagraphen“, strafrechtliche Verfolgung von „Ketzerei“, Verbot von Heavy Metal (besonders Black Metal, Pagan Metal, Gothic Metal) und vieles mehr! Dann wird zum „Kreuzzug“ gegen Atheisten, Neopaganisten, Gothics, Wicca-Anhänger und Satanisten aufgerufen! Dann geht es mit großen Schritten zurück ins Mittelalter!

    —Comment von Hartmut Slomski

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