chaze

regt sich auf & erklärt das universium

Warum kommt den niemand mehr zur Demo?

Letztens, in Berlin, eine Veranstaltung mit mehreren antirassistischen Initiativen. Die Chipkartenini stellt ihre neue Kampagne vor, welche notwendig wurde, weil die Initiative zumindest in Berlin gewonnen hat. Während der Veranstaltung die alte Frage, warum immer so wenige Leute zu antirassistischen Aktionen kommen.
Dann, gestern, Demonstration gegen den Abschiebeknast in Grünau und damit auch Beginn der Kampagne. So wenige Leute waren es nicht. Bei indymedia heißt es, es wären 200 gewesen. Und so ungefähr stimmt das wohl auch. Einer der letzten Redebeiträge über die Notwendigkeit, nicht nur Abschiebeknäste, sondern die gesamte rassistische Gesetzgebung abzuschaffen. Alles ganz richtig, dafür war die Demonstration ja da. Dafür fuhren wir nach Grünau. Doch dann der nächste Satz: außerdem müssen sofort alle deutschen Truppen überall abgezogen werden und die Armee aufgelöst werde, weil das irgendwie dazu gehören würde.
Aha. Nein, nicht so einfach. Oder: das mag man in der Chipkartenini so sehen, aber es ist doch ein umstrittenes Thema (um es mal so verharmlosend zu sagen). Und vor allem ist es nicht folgerichtig. Ich fühle mich vereinnahmt. Wieso muss ich bitteschön für letzteres sein, wenn ich gegen die rassistische Gesetzgebung bin?

Einige Monate vorher, bekannter Fall. Vier Menschen, darunter ein wissenschaftlicher Angestellter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Humboldt-Universität werden wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer angeblichen terroristischen Vereinigung verhaftet. Drei wurden verhaftet, als sie angeblich militärische Fahrzeuge anzündeten; der vierte, weil sich offenbar Passagen in seinen Texten denen in einigen Bekennerschreiben der Gruppe, der die drei anderen angehören sollen, ähneln.
Wichtig ist wohl folgende Differenzierung. Da gibt es die einen, die sich über die Verhaftung der vier an sich aufregen (was so allgemein nicht falsch ist) und da gibt es die relativ breite Öffentlichkeit, welche sich darüber aufregt, dass die Polizei und Staatsanwaltschaft offenbar zu blöde ist, zu bemerken, dass „Gentrifizierung“ ein lange etablierter Begriff ist und kein Hinweis darauf, dass jemand Teil einer Gruppe ist, nur weil diese den Begriff auch benutzt.
Also: eine der Kundgebungen vor dem Knast. Mehr als die Hälfte der Leute gehört nicht zu den bekannten Gesichtern bei solchen Veranstaltungen und hat mit der Gruppe, um die es angeblich bei den Verhafteten geht, auch nichts am Hut. Es geht ihnen ganz offensichtlich um den Wahnsinn der Staatsanwaltschaft, die keine Ahnung von der Textproduktion in Zeiten der modernen Kommunikationsmittel hat und einer sogenannten Terrorgruppe offenbar nicht zutraut, einfache wissenschaftliche Konzepte nachvollziehen zu können.
Dann Redebeitrag über die Situation an sich, der Fall wird geschildert, Polizeischikane, offensichtlich falsche Begründungen der Staatsanwaltschaft. Alles nachvollziehbar. Und weil es irgendwie um militärische Fahrzeuge geht, auf einmal Sätze, dass man es an sich richtig findet, „die deutsche Kriegsmachinerie“ anzugreifen und dass alle deutschen Gruppen zurückgezogen werden müssen und das es auf dieser Kundgebung genau auch um das gehen würde.
Wieder mal fühle ich mich vereinnahmt. Wieso muss ich für letzteres sein, wenn ich dafür bin, dass Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler gefälligst forschen dürfen, worüber sie wollen, wissenschaftliche Terminologie benutzen dürfen, dass andere aus diesen Texten zitieren dürfen und dass das die Staatsanwaltschaft nichts angeht? Und gerade dieses Thema: Illegalität und deutsche Truppen im Ausland. Es hätte es keine heftigen Auseinandersetzungen darum gegeben. Ich meine: ist das bei den Menschen, die diese Kundgebung organisierten, nicht angekommen?
Zumindest sollen dann bei der nächsten Aktion kaum noch Menschen da gewesen sein.

Und das passiert immer wieder. Man nimmt an einer Aktion teil, die man inhaltlich richtig findet und auf einmal wird man vereinnahmt für Dinge, die man gar nicht unterstützt, gegen die man sogar argumentieren will.
Ich meine, was steckt den hinter diesem Vorgehen? Es scheint doch so, als würden die organisierenden Gruppen einen ziemlich speziellen Kanon als links/antirassistisch/was-auch-immer definieren. Und nur, wer diesem Kanon zustimmt, soll dann bei den Aktionen teilnehmen dürfen. Und dieser Kanon wird zuvor auch nicht kundgeben. Das auf solchen Veranstaltungen ein antisexistischer Grundkonsens herrschen soll, ist beispielsweise bekannt. Aber dass man antiimperialistischen Blödsinn glauben muss, nur weil man gegen das Vorgehen der Staatsanwaltschaft gegen Wissenschaftler ist, ist nicht bekannt. Es ist auch Blödsinn.
Aber wenn das ständig passiert, sollte man sich auch nicht mehr fragen, warum nur wenige Menschen zu Demonstrationen kommen oder warum so viele Gruppen nicht miteinander zusammen arbeiten. Man weiß ja gar nicht mehr, was man so alles durch seine Teilnahme unterstützt. Vielleicht macht man dann auf einmal Propaganda für die Hamas, obwohl man eigentlich für die Viertelparität in Hochschulgremien demonstrieren will. Oder man macht Wahlwerbung für die Kanzlerkandidatur von Klaus Wowereit, obwohl man eigentlich gegen einen Naziaufmarsch auf der Straße steht. Man weiß es einfach nicht. Und deshalb bleibe ich auch lieber zu hause.

05. November 2007, 12:43 | Abgelegt unter: Allgemein, Nerviges, Die deutsche Linke, Kopfschütteln und Achselzucken | Tags: |

2 Kommentare

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  1. 5. November 2007 @ 16:53

    Deine Kritik geht von einer grundsätzlich falschen Einordnung von Redebeiträgen aus. Diese dienen eben meistens nicht der einhelligen Meinungsdarstellung der KundgebungsteilnehmerInnen nach außen, sondern grade wenn verschiedene Beiträge von mehreren Gruppen gehalten werden eher der Werbung für die jeweilige Gruppenposition mit den TeilnehmerInnen der Kundgebung als Zielgruppe.

    —Comment von ein freund
  2. 6. November 2007 @ 02:01

    Mag ja sein, dass sie so gemeint sind. Und wenn sie dann nach den Veranstaltungen gedruckt oder im Netz stehen, mag dieser Unterschied offenbar werden. Aber doch nicht, wenn auf den Demonstrationen in den Beiträgen beständig von „wir“ geredet wird. Wie auch immer das gemeint ist, es kommt von außen immer so rüber, als würde die jeweiligen Teilnehmenden allem, was so kundgegeben wird, zustimmen.
    Vielleicht bin ich ja zu anspruchsvoll, aber ich fände es richtiger, wenn im jeweiligen Aufruf klar gemacht wird, welcher Rahmen gegeben ist. Dem kann ich dann zustimmen oder auch nicht. Zumindest kann ich mich verhalten.

    —Comment von chaze

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