chaze

regt sich auf & erklärt das universium

Lügt!

Die Bundesprüfstelle, Ort der abgesicherten rechtlichen Kontrolle vor Schmutz und anderm Bäh-Zeug, dass die Kinder in Deutschland niemals nicht sehen sollen dürfen; diese Anstalt hochmoralischer Festigkeit, der Fels in der Verwohrenheit dieser postmodernen Zeit, wo die Leute vor der Ehe an Sex denken, Gewalt kennen und wissen, dass Wände anmalen Spaß machen kann; diese letzte Bastion des guten Geschmacks also, macht sich Gedanken zur Umgang mit diesen Neuen Medien. (Bäh.)

„Orientierung im Medienalltag – 10 Tipps zu Medien und Erziehung“ heißt die neue Broschüre für Eltern. Und Punkt 8 lautet:

Vermitteln Sie Ihrem Kind die wichtigsten Sicherheitsregeln gerade auch im Internet und im Chat. Zum Beispiel: Adresse und Telefonnummer nicht weitergeben! Fantasienamen nutzen! Alter und Name nicht durch Nickname oder E-Mail-Adresse verraten!

Und was ist das anderes nun, als die endgültige Kapitulation vor „der Masse“?

27. Juli 2007, 18:41 | Abgelegt unter: Die deutsche Gesellschaft, Das ist die Welt, in der wie leben, Antidepressiva | Tags: No Tags | Comments Off

Samstag, Alexanderplatz, Tunnel

Früher nannte man das Reclaim the Streets. Doch egal, wo, wann und in welchem Kontext, dass mit den Radios, die man mitbringen soll, klappt nirgends. Aber gut war’s schon. Bilder und Video bei Voco me!.

24. Juli 2007, 13:03 | Abgelegt unter: Happy Kapitalismus, Antidepressiva | Tags: | 1 Kommentar

Was wird Lafontaine tun?

Für die Partei von Lafontaine, und nicht nur für diese, ist ja eines der wirklich wirklich wirklich großen Probleme am Kapitalismus nicht die allgemeine Verfaßheit dieses Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, nicht die In-Wert-Setzung der/des Einzelnen, die Produktionsverhältnisse, die Krisenhaftigkeit oder sonst so ein „Zeug“; es sind vor allem die Hedge-Fonds. Die Ausbeuter-Aufkäufer, die man früher mal als Yuppies verschrie, weil sie Handys hatten und Laptops, Firmen aufkauften, zerlegten und wieder verkauften (und heute sich vorher das investierte Geld von den gekauften Firmen zurückzahlen lassen). Das ist jetzt ja vorbei, der letzte junge Antifa hat Handy und Laptop (und braucht sie auch). Heute sind es die Hedge-Fonds, gegen die man sich ohne wenn und aber bekennt. Sagt zum Beispiel Lafontaine in einem Interview mit der Märkischen Allgemeinen:

Wenn wir Anträge in den Bundestag einbringen – etwa den, die hochspekulativen Hedge-Fonds in Deutschland nicht zuzulassen – dann tun wir das aus Überzeugung.

Moralgedöns also statt Antikapitalismus.
Und jetzt die Frage: Was macht diese Linke eigentlich, wenn die Hedge-Fonds zusammenbrechen? Also als Wirtschaftsform obsolet werden, wie große Industriebauten im Bereich der Wissensökonomie oder das Trucksystem? Rainer Sommer schreibt zumindest in einem Beitrag auf Telepolis, dass auch dieses Wirtschaftsform langsam an den Rand der Machbarkeit gelangt ist. (Und die Financial Times Deutschland sagt beispielsweise eigentlich auch nichts anderes.) Mit was wird der kämpferische Gestus dann ersetzt? Ich will es nicht wirklich wissen, aber lustig finde ich es schon.

22. Juli 2007, 14:14 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Aktionismus, Das ist die Welt, in der wie leben | Tags: | Comments Off

Ikea vs. Bauhaus

„Den Kleinbürger zeichnet aus, daß er sich von den äußerlichen Formen der traditionellen Bürgerkultur angezogen fühlt, ohne sich aber für deren Inhalte zu interessieren, geschweige denn sich dafür zu erwärmen. Er liebt die rotsamtenen Polster und die Kronleuchter, aber er möchte nicht drei Stunden warten, bis er applaudieren darf. Er möchte alle fünf Minuten klatschen, ‚halt‘ nach jeder ’supertollen‘ ‚Supermelodie‘ Musik und gutes Essen sind für ihn erst Musik und gutes Essen, wenn Kerzen brennen, und er besteht darauf, daß bei den Popmusik-Playbackvorführungen in Fernsehunterhaltungssendungen vom Künstlerdienst angemietete Frauen in Abendkleidern sitzen, die so tun, als würden sie geigen oder Cello spielen. (Auf Bratschen legt er keinen Wert, denn diese mittelgroße Form würde er nicht erkennen.) […] Authentische, der frischen, leuchtenden und immerzu großen Gegenwart entspringende Kulturleistungen dagegen sind in seinen Augen ‚vielleicht ganz witzig, aber irgendwie anstrengend‘, ‚muß ich mir aber nicht antun‘, sie sind schlechtgelauntestenfalls ‚Kunstkacke‘, gnädigstenfalls ’skurril‘. ‚Was will der Künstler uns damit sagen?‘ sagen die Kleinbürger in ihrer sentenziösen Ironie, die sie selber nicht mehr als solche erkennen, lachen blöd und schicken sich in ihre gedankenlose Selbstzufriedenheit. Sie haben ja ihren Champagner oder Büro-Sekt und ihre nimmermüden ‚wunderbaren Abba-Melodien‘.“ [Max Goldt / Kurzärmelige Hemden. – Titanic, 07/07, S.62f.]

22. Juli 2007, 13:38 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Das ist die Welt, in der wie leben, Merksatz, Antidepressiva | Tags: | Comments Off

Verluste bei der Jungle World

Okay, die Jungle World hat ein neues Layout und Konzept und Leute reden drüber. Dann ich aber auch.
Erstmal hat mich die letzte Ausgabe geschockt. 10 Jahre! Oje. Ich war – noch sehr jung und eigenes von Schulabschluss entfernt – auf dem Benno-Ohnesorg-Kongress schon dabei, als die Spaltung junge Welt // Jungle World vollständig zementiert wurde und seitdem hat mich die Zeitung begleitet. Ich fühlt mich alt. Seitdem hat sich das Internet durchgesetzt, Gruppen und Trends sind gewachsen und wieder verschwunden, Leute haben begonnen, sich zu hassen, haben das ausgelebt und verkehren wieder miteinander, weil das alles vergessen ist – eine unglaublich lange Zeit.
Wobei ich beim Lesen der letzten „alten“ Ausgabe auch merkte, dass die Leute, die die Jungle machen noch älter sind. Die Spaltung Ost/West ist mir beispielsweise wäre meiner politischen Arbeit vollkommen egal gewesen, die habe ich kaum noch mitbekommen. Die Leute in der Jungle scheint die aber geprägt zu haben.

Anyway. Das neue Konzept. Nun ja, verändern tut sich ja alles und man findet sich letztlich damit ab. Neue bunte Bilder, etwas weniger kurze Meldungen, dafür neben der Zeitung selber ein Magazin. So ist es halt.
Was mich ärgert, ist, dass einiges verschwunden ist, was ich layout-technisch großartig fand.

  1. Der nach unten und oben offene Satz, also die Anordnung des Textes, der nicht in jeder Spalte einheitlich auf einer Höhe anfing und einheitlich auf einer anderen Höhe aufhörte. Das traute sich sonst kaum jemand. Jetzt sind es wieder geschlossene Spalten, alle gleich lang.
  2. Der Einsatz mehrere Schriften in einem Text. Ist vielleicht kaum jemand aufgefallen, aber die Jungle hat in den längeren Texte zwei Schriftenarten verwendet, angeblich um die Augen nicht so zu langweilen. Hatte sehr nette Effekte. Und jetzt? Sieht zumindest aus, wie nur ein Font. Borring.
  3. Mut zum Platz und Freistehen. Die alte Jungle hatte ihre Seiten selten vollgeknallt. Die Rubriktitel, die Seitenzahlen, die Überschriften, die Spalten – das stand einfach so da, ohne sichtbares Raster. Und es hat trotzdem funktioniert, obwohl Layouthandbücher sagen, dass sollte man nie-nie-niemals tun. Und jetzt ist das Raster da. Horizontale und vertikale Linien, klare Anordnungen. Irgendwie Zeitung1.0.

13. Juli 2007, 11:50 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Die Medien, Bestimmt wissens eh schon alle | Tags: | Comments Off

Kreislauf

Das Schöne ist ja: kaum hat man mal wieder innerlich mit der radikalen Linken abgeschlossen, hat sich gesagt: jetzt ist aber genug mit diesen Scheiß-Szene-Spielchen, Profilneurosen, Größenwahn, Polemiknonsense und Kindergartengeplänkel; man ist doch keine 18 mehr --- kaum ist man also dabei, sich den Rückzug in die Wissenschaft („organischer Intellektueller“), die Kunst („kritische Intenventionen“), das „normale“ Leben („Übergangsphase“), die kapitalistische Selbstausbeutung („digitale Bohème“) oder was auch immer schön zu reden, genau dann beginnt die Regierung wieder mal vollkommen am Rad zu drehen und man merkt, dass man in Deutschland ist und ein Zurückfallenlassen in linksbürgerliche Hoffnungen nichts weiter sein wird, als die Aufgabe jeglicher Hoffnung auf Emanzipation oder ein gutes Leben. Darauf kann man sich fast schon wieder verlassen.

09. Juli 2007, 12:38 | Abgelegt unter: Kopfschütteln und Achselzucken, Merksatz | Tags: No Tags | Comments Off