chaze

regt sich auf & erklärt das universium

Andere Feinde

Da, wo ich früher wohnte, musste man sich hauptsächlich mit Nazipropaganda auf der Straße auseinandersetzen. Das Erkennen, Entfernen und – für die Recherche – Einsammeln von Naziaufklebern und Wahlplakaten; auch das, nun, Verfremden war fast alltäglicher Teil meiner Jugend. (Und da bin ich ja nicht alleine.)
Da, wo ich jetzt wohne, hat sich das etwas verschoben. Nazipropaganda gibt es immer noch, nur hat man sich auch noch mit Leuten auseinanderzusetzen, welche nicht davon absehen können, ständig an Wände zu schreiben, wie toll der Islam angeblich sei. Das war aber zu erwarten.
Was mich allerdings echt überraschte, war die Masse von Aufklebern der Verschwörungshippies von „Loose Change“, dem Internetfilmchen, der – wie so oft – nicht Besseres zu tun hat, als zu behaupten, dass die US-amerikanische Regierung hinter den Anschlägen des 11.9. stecken würde. „Normaler“, durchgeknallter Blödsinn, wie er sich nach jedem solcher Vorfälle findet. Da es gegen die US-Regierung geht etwas populärer, als andere Verschwörungstheorien. Aber so heftig? Mir war schon klar, dass es auch zu diesem Video Leute geben würde, die ernsthaft über ihn diskutieren. Doch ich dachte, die kommen durch das ganze Kiffen nicht so weit, auch nur einem anderen Menschen davon zu erzählen. Dazu müssten sie aufstehen. (Was Blödsinn ist, es gibt ja das Internet. Scheiß Fortschritt.)
Falsch gedacht. In Neukölln werden ganze Straßenzüge mit Aufklebern zugeschissen und, wenn man diese entfernt, in einigen Tagen wieder überklebt. Damn. Besser organisiert als jede Kameradschaft.

Deshalb immer schön, auf solche Seiten zu stoßen:


I‘ve been getting a lot of email lately from people sending me this stupid 9/11 conspiracy video called „Loose Change.“ I‘ve tried to ignore it for months now, but you morons keep forwarding it to me, and I keep having to add more email addresses to my spam filter. The ironic part is that I‘m a huge conspiracy nut, and even I can‘t stomach this bullshit. For example, I believe that there is a small, reptile-like creature called Chupacabra that sucks the blood of goats in Mexico. Area 51? Hell yes. Roswell? Pass me the Kool-Aid. But „Loose Change“ elevates bullshit to an artform. Watching this video is like being bukakked with stupid.

25. Februar 2007, 02:05 | Abgelegt unter: Nerviges, Wo ich jetzt in Neukölln wohne | Tags: | Comments Off

Polemik, Kritik und Beleidigung

Nach dem, was in der letzten Zeit hier und anderswo im Spam hängen bleibt, vielleicht mal eine kleine Klarstellung. Es gibt Unterschiede zwischen Kritik, Polemik und Beleidigung. Und zwar relevante.

  • Kritik orientiert sich an einigermaßen klaren Bewertungskriterien und hat vorrangig die Aufgabe, das Objekt der Kritik in ein Bewertungssystem einzuordnen. Also beispielsweise: ich denke, ein Roman sollte spannend und realistisch sein (Bewertungsrahmen), dieser Roman hier ist nur mäßig spannend im Gegensatz zu Roman x (Norm, an der gemessen wird) und vor allem nicht realistisch. Damit kann die Autorin/der Autor anfangen, was sie/er will und auch, wer vorrhat, vielleicht mal in den Roman hineinschauen will.
  • Polemik ist zielgerichtet, meist politisch. Es geht darum, durch Übertreibungen, Ironie und Sarkasmus das besprochene Objekt zu diskreditieren und zumeist die eigene Sichtweise als relevant anzupreisen. Es geht auch um Abgrenzungen und das Aufzeigen von Tendenzen. Dabei wirkt Polemik mehr in die In-Group, die der eigenen Meinung eh nahesteht. Beispielsweise: gleicher Roman. Ich polemisiere, indem ich die traumhaften Elemente herausgreife und ihn als agesellschaftliches Traumgebilde mit sich vollkommen sinnlos verhaltenen Figuren zeichne. Ziel ist, eine Vorstellung von Roman (an der realen Gesellschaft orientiert) durchzusetzen. Die Autorin/den Autor erreiche ich mit der Polemik mit hoher Wahrscheinlickeit nicht, aber andere Menschen, die vielleicht nach und nach meine Realismusvorstellungen übernehmen. Das ist ein Beispiel. Meist geht es um politische, nicht um ästhetische Aussagen.
  • Beleidigungen hingegen sind Angriffe, um sich meist selber gut zu finden. Es geht weniger um Veränderung oder die Durchsetzung einer Meinung, sondern eher um Wegbeißen und darum, ein gewisses Feindbild schaffen. Da fällt dann schnell jedes Niveau und vor allem auch politisches Bewußtsein bodentief. Personen, nicht Objekte oder Meinungen sind Ziel von Beleidigungen. Beispiel: nochmal der Roman. Es ist vollkommen egal, was ich von ihm halte, ich finde vor allem den Autor/die Autorin schlecht. Also mache ich mich über ihn/sie lustig. Am besten über Dinge, die so einfach nicht zu ändern sind: Aussehen, Namen, Eigenheiten. ZWar weiß ich auf der einen Seite, dass man sich Namen nicht so einfach aussuchen kann, besonders Familiennamen, aber das stört mich bei Beleidigungen nicht mehr. Der Mensch heißt Klein, so nenne ich ihn „Kleingeist“, er heißt Bauer, so nenne ich ihn „Bauerntölpel“. So ungefähr. Zwar bin ich politisch davon überzeugt, dass die Bewertung von Aussehen nur durch die Akzeptanz von Schönheitsidealen funktioniert. Und das finde ich eigentlich – Stichwort: lookism – scheiße. Aber was solls, ich mache mich trotzdem lustig über Kleidungsstil, Körper, Bewegungsablauf des/der Angegriffenen. Und wenn ich richtig in Fahrt bin, sehe ich auch über die Ausgrenzungen von Behinderten hinweg und mache mich mal schnell über körperliche Eigenheiten lustig. Theoretisch bin ich auch dafür, dass die Menschen größtmögliche Wahlmöglichkeiten in der Ausgestaltung ihres Lebens erhalten. Doch wenn ich beleidigen will, überhöhe ich einfach mal Eigenheiten so sehr, dass ich sie scheiße finden kann. Und da es um einen persönlichen Angriff geht, ist es auch nicht so wichtig, ob die Dinge, die ich behaupte, eigentlich stimmen. So ordne ich Menschen einfach irgendwelchen Gruppen zu, aus denen sie vor Jahren ausgestiegen sind; ich behaupte, sie würden sich an Punkten ihrer persönlichen Entwicklung befinden, die sie längst überwunden haben. Gerne schreibe ich ihnen auch Beziehungen zu Menschen zu, die von noch mehr Menschen scheiße gefunden werden, obwohl es diese Beziehungen schon lange nicht mehr gibt oder auch nie gab. Was interessiert mich die Realität, wenn es vor allem darum geht, mich auf der richtigen Seite zu positionieren? Beleidigungen sind, wenn, dann überhaupt nur richtig in der eigenen Peergroup wirksam. Ein gemeinsames Feindbild… naja, man kennt das. Die Projektion und das gemeinsame Lästern ersetzt da schnell das Nachfragen und einfache Ignorieren.

Das Problem ist, dass dies oft nicht auseinander gehalten wird. Es überwiegt schnell die Beleidigung. Und wer lieber beleidigt, als z.B. zu kritisieren, nimmt auch Kritik oder Sarkasmus schnell als Beleidigung wahr. Was ziemlich ärgerlich werden kann, weil Beleidigungen nun einmal hinter politische Erkenntnisse über Ideale, Gruppen- und Ausschließungsprozesse zurückfallen, weil oft das Gerücht mehr zählt, als die Realität, die man auch einfach erfragen könnte. Das ist vor allem dann relevant, wenn politische Entscheidungen auf der Grundlage von persönlichen Symphatiewerten getroffen werden.
Deshalb enthalte ich mich – auch wenn es dazu andere Ansichten gibt – Beleidigungen und bin auch kein Freund von Polemik. Polemik geht halt meistens schief. Aber ich werde den Eindruck nicht los, dass es auch andere Tendenzen gibt. Zu ändern ist das wohl nicht.

23. Februar 2007, 15:56 | Abgelegt unter: Nebenher | Tags: | Comments Off

falsche Entscheidungen

Die Linke trifft übrigens immer genau die falschen Entscheidungen, wenn sie die Wahl hat. (Zumindest meistens, im Popbereich.)
Beispiel: letzten Samstag, Kato, Abschlussparty der „Antifaschistischen Aktionswochen“ (huch, schon wieder vorbei, ähm … je, ich werde alt). DJ-Clash. Zur Auswahl stehen drei DJs/Crews:

  • NoPopNoStyle. Die schlechtesten DJs, die es zur Zeit in ganz Berlin zu geben scheint. Nehme ich meinen Rechner, lade nur die Popsongs und drücke auf Shuffle, habe ich ein besseres Programm. Keine Übergänge, keine Spiel, keine Linie. Da wird einfach nach Gutdünken der DJs ein Popsong von vorne nach hinten durchgespielt, kurz Pause gemacht, das nächste Lied gespielt. Und das, ohne auch nur ansatzweise auf Anschluss der Songs zu achten. Schuldiskoniveau.
  • DJ Bela und MC Pastafarie. Ein Reggaeset, teilweise mit MC. Größtenteils Hits, meist auch ohne rechte Übergänge gespielt. Aber immerhin eine Linie und der MC nett. Endlich mal auf einer solchen (Soli-)Party Dancehall-Atmosphäre mit Response von MC zu DJ, MC zum Publikum und andersrum. Zumal: ein MC der im Dancehall-Style gegen Rastafari-Spinner toastet: großartig. (zumal die Berlin gerade Überhand zu nehmen scheinen.)
  • DJ Matatu. Anfangs etwas James Brown, fast schon als Pflichtübung. Danach großartiges Set (mit ordentlichen Übergängen und guten Aufbau), hauptsächlich Kwaito und AfroBeats. Tanzbar, mitreißend und ohne Pausen durchgespielt (technische Probleme mal außen vorgelassen). Auch der einzige, der mit Platten auflegte. Man merkte schon, wie der Saal sich leerte. Kann man mal was Unbekannteres hören, gehen die Leute.

Und wer gewinnt den Clash? NoPopNoStyle. … Wie gesagt: hat sie einmal die Wahl, die Berliner Linke, wählt sie das falsche. Fast schon konsequent.

(Merksatz: Die Linke ist eine politische Szene. Auch wenn sie manchmal anderes sein will, zur Subkultur eignet sie sich nicht, so sehr tanzt sie – stilistisch – dem Mainstream hinterher. Das sagt nichts über ihre politischen Aktivitäten.)

19. Februar 2007, 13:02 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Kopfschütteln und Achselzucken, Merksatz | Tags: | 2 Kommentare

Wunschliste für Parkplatzdemos

Logo der Kampagne 'Freiheit für Matti'Vorhin bei der JVA Moabit auf der heutigen „Freiheit für Matti“ Kundgebung gewesen.
Ja, ohne Frage wichtig: die Kriminalisierung eines Antifaschisten weisst weit über diesen Fall hinaus. Nur weil zwei Nazis ein bisschen Aua haben (wenn man ihre Aktivitäten ansieht, nicht unberechtigt) und einfach Leute, die sie nicht mögen, als Täter benennen, kommen diese Leute mit dem Vorwurf „versuchter Totschlag“ in den Knast. Insoweit war die Kundgebung vollkommen okay. Auch die Veranstaltungen des Solibündniss sind notwendig (obwohl die Bands letzten Samstag unglaublich schlecht waren).

Aber: eines habe ich aus Kundgebung gelernt. Man sollte sich heute eine Liste anlegen, was man gerne auf solchen Parkplatzdemos haben will und was nicht, falls man selber einfährt. Und die sollte in der jeweils aktuellen Fassung bei vertauenswürdigen Menschen lagern.

  • Unbedingt die Lieblingsmusik aufschreiben. Die wird angesagt und vorgespielt. Jetzt mag Matti vielleicht wirklich auf 80er Jahre Pop stehen. Aber das kann schnell schiefgehen.
  • Gerne auch sollte auf die Liste, welche Gruppen einen bitte bitte – trotz aller Solidarität oder so – nicht öffentlich mit einem Redebeitrag grüßen sollen. Ansonsten wird auch das schnell peinlich.
  • Und gut wäre auch die Bitte, wenn die Moderation die Redebeiträge schon vorher einmal gelesen hat. Heute klang das eher so, als wäre der Vorlesende jedesmal über die nächsten Worte vollkommen überrascht und hätte jeweils mit ganz anderen gerechnet.

Die Liste läßt sich sicher erweitern.1 Doch irgendwann wurde die fraglos notwendige Kundgebung zu einer relativ peinlichen. (Und einer relativ wenig besuchten.) Schade eigentlich.

  1. Z.B. damit, wer bitte nicht drüber bloggen soll. [zurück]

15. Februar 2007, 01:49 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Bestimmt wissens eh schon alle | Tags: | Comments Off

Ein kleiner, notwendiger Fortschritt

Ohne großen Kommentar, weil klar ist, warum das eine gute Meldung ist:
Referendum: Portugal schafft Bestrafung der Abtreibung ab
Dagegen ist vor allem, na, die katholische Kirche. Deutsche Radikal-ChristInnen springen auch auf den Zug auf. Aber nicht mal das wird diesen einen Schritt aufhalten: den zur straffreien Abtreibung. Immerhin.

Immer wieder aktuell zu diesem Thema: die Weltkarte zu den gültigen Abtreibungsregelungen bei Woman on Waves.

13. Februar 2007, 15:03 | Abgelegt unter: Nerviges, Antidepressiva | Tags: | Comments Off

Am Ende dieses Hypes

Meine These für 2007: Grime wird entweder schnell pop-mäßig wachsen und spätestens Mitte 2008 endgültig als eine Unterform des Hiphop etbaliert sein. Oder aber Grime wird jetzt sehr schnell ausdifferenziert und verschwindet dann in der Geschichte des Undergrounds. Die ersten sind aus der Szene offiziell ausgestiegen, andere feiern Erfolge. Das ist nicht mehr aufzuhalten.
Deshalb ist der Rückblick zu empfehlen, den DJ Gully in seinem Best-of-Grime-2006-Mix gepackt hat. Auch für Leute, die Grime bisher nicht kennen.

07. Februar 2007, 23:06 | Abgelegt unter: Nebenher | Tags: | Comments Off

Technischer Antisexismus?

Ist das eigentlich ein Akt technischer antisexistischer Rebellion, wenn mein CD-Player sich weigert alle zwei Alben von N.W.A, die ich besitze, überhaupt zu erkennen, geschweige denn abzuspielen? Berechtigt wäre es ja.

P.S.: Bevor es übel aufstößt. Wenn man sich für die Geschichte des us-amerikanische Rap interessiert, gar versucht(e) daran zu arbeiten, muss man N.W.A halt kennen.

06. Februar 2007, 20:22 | Abgelegt unter: Nebenher, Happy Kapitalismus | Tags: | 1 Kommentar

Und?

Was sagt das eigentlich aus, wenn ein „Antisexismusbündnis“ in Berlin einen relativ unmotivierten Reader (mit teilweise naja-en, teilweise schrecklichen Texten --> Download hier) veröffentlicht, extra eine Release-Party veranstaltet und dann sage und schreibe keine einzige Reaktion auf das Heft zu finden ist. Keine positive, keine negative, einfach gar keine.

  1. Dass Antisexismus einfach niemand (mehr) interessiert?
    • Weil alle jetzt AntisexistInnen sind und darüber nicht reden müssen?
    • Oder weil alle SexistInnen sind und darüber nicht reden wollen?
  2. Dass solche Broschüren nur noch intern diskutiert werden?
  3. Dass alle die Texte in der Broschüre abnicken (würde ich dagegen halten)?
  4. Dass sich niemand „traut“?
  5. Dass die Broschüre so schlecht ist, dass einfach alle aus Scham schweigen?

Ich weiß es tatsächlich nicht. Aber angesichts dessen, dass solche Reader und Diskussionen um sie früher Gruppen gespalten und Bündnisse unmöglich gemacht haben … dafür ist es einfach unglaublich ruhig um das Heft. Oder kommt da noch was?

01. Februar 2007, 16:11 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Bestimmt wissens eh schon alle | Tags: | 5 Kommentare