chaze

regt sich auf & erklärt das universium

Biomacht konkret

Als Biomacht fasste Foucault die Macht des Staates oder anderer Machtinstitutionen auf, nicht nur Leben zu vernichten, sondern „Leben zu machen“. Das klingt alles lange obskur, bis man eine Weile drüber nachdenkt. Heißen soll es vor allem, mit der Verwaltung von Statistiken und darauf basierender Entscheidungen und Techniken eine Ebene zu schaffen, in der über das Leben der Menschen bestimmt wird, ohne sie direkt zu zwingen. Das entwickelte sich im großen Stile erst vor einigen Jahrhunderten.
Eine Ebene der Biomacht war für mich immer der Zugriff des Staates auf die menschlichen Körper. Da erdreisst sich „der Gesetzgeber“ zum Beispiel zu bestimmen, wie die einzelnen Menschen mit Drogen umgehen zu hätten (meist wird das einfach verboten). Oder Sport-, Arbeits- und andere Plätze werden genormt, ohne dass die einzelnen Menschen darauf Einfluss nehmen können. Hier merkt man dann die Zwiespältigkeit des gesamten Prozesses. Es geht dabei ja immer um die Gesundheit der Menschen, irgendwie. Aber wie wirkt sich das aus, dass der Staat – meist auch noch ungefragt – dies regelt?
Und jetzt also in Berlin: ein Nichtrauchergesetz ist in Planung. Vielleicht für alle Kneipen. Und das, nachdem das Ordnungsamt in Berlin-Mitte und Friedrichshain zumindest darauf drängt, dass nach zehn Uhr abends keine Menschen mehr vor den Kneipen stehen sollen. Das alles ist selbstverständlich Teil eines größeren Trends, zumindest in Europa. Und letztlich ist die Begründung hier wieder die Gesundheit der Menschen. Letztlich aber artet das ja jetzt schon in regelrechten Verfluchungen von rauchenden Menschen aus. Als ob das nicht vorrangig deren Entscheidung wäre, wie bei allen anderen Drogen auch. Rücksichtnahme lässt sich auf andere Weise einfordern.

Ich seh mich schon in den Tabakladen gehen und Kippen kaufen. Aus Solidarität.

31. Oktober 2006, 20:19 | Abgelegt unter: Kopfschütteln und Achselzucken | Tags: | Comments Off

In Deutschland (West)

Gestern besuchte ich meine Eltern in der „Nordheidemetropole“, in Wahrheit ein größeres Dorf mit Kleinstadtambitionen […] The village ist seit Mitte der 90er „national befreit“ und kaum einer weiß es. Gewalt gibt es nicht mehr, potentielle Opfer passen sich äußerlich an. Angst rules.

Realistische Beschreibung: pollon.twoday.net

30. Oktober 2006, 11:11 | Abgelegt unter: Nerviges, Das ist die Welt, in der wie leben | Tags: | Comments Off

Abos verticken

Szenerie: eine Straße in Berlin-Mitte, Wochentag, Nachmittags. Vor mit zwei Frauen, gehen auf eine Umsonst-Zeitungs-Abo-Verticker zu.
Verticker: Heute mal x-Zeitung, kostenlos für y-Wochen bestellen.
Eine Frau: Danke. Ham ‚wa schon im Abo.
Verticker: Super. Abbestellen. Neubestellen.

Ich (zu mir, wegen Uninähe): Die Eigensinnigkeit der Subjekte.

30. Oktober 2006, 11:06 | Abgelegt unter: Kopfschütteln und Achselzucken, Happy Kapitalismus | Tags: | Comments Off

Andere Probleme

Woanders, dass wird durchs Internet klar, sind die Probleme einfach andere. Und ständig finden sich neue Gründe zum Auswandern.
Neuseeland zum Beispiel. Da gab es letztens einen großen Naziaufmarsch mit sage und schreibe 20 (zwanzig!) Teilnehmern (Bericht indymedia.org.nz). In Berlin waren es am gleichen Tag rund 1.000 in Treptow und gleichzeitig vielleicht 200 Islamistinnen und Islamisten am Zoo.
Dafür haben die Leute in Neuseeland auch Zeit, endlich mal über Makerverhalten der Antifa zu diskutieren. (Ab dem dritten Kommentar hier.)

27. Oktober 2006, 14:19 | Abgelegt unter: Welt, Das ist die Welt, in der wie leben | Tags: | 1 Kommentar

Ein anderer Schlußstrich

Meistens denken die Menschen, wenn in Deutschland vom Schlußstrich gesprochen wird, an die Weigerung der deutschen Gesellschaft über die Verantwortung am Nationalsozialismus nachzudenken und etwa Schuldeingeständnisse zu machen oder Zahlungen an die Opfer des deutschen Faschismus zu leisten.
Doch das ist nicht der einzige Schlußstrich, den Deutschland ziehen will. Einer, der viel unbeachteter gezogen wurde, ist der unter die koloniale Vergangenheit Deutschlands. Dabei war gerade diese eine, wenn auch im Gegensatz zu anderen Staaten kurze, doch ungleich blutige. So waren es gerade die Deutschen, die mit militärsichen Lösungen für Probleme in „den Kolonien“ schnell zur Hand waren und intensiv auf „Rassentrennung“ drängten und diese durchsetzten.1 Der „Feldzug“ (Massaker) gegen die Herero und Nama 1904-1907 war dabei der erste Völkermord der modernen Zeit. Aber in der Öffentlichkeit – auch der Linken – ist über die deutsche Kolonialgeschichte so gut wie nichts bekannt. Der Schlußstrich wirkt quasi durch Vergessen.
Das sich deutsche Regierungen deshalb weigern, die deutsche Schuld einzugestehen und auch zu bezahlen ist unter diesem Umständen fast schon wieder folgerichtig. German Foreign Policy publizierte dazu einen lesenswerten Artikel über die neusten Weigerungen und Anmaßungen aus Deutschland: „Nackter Rassismus“, 17.10.2006.

  1. Keine Frage: auch die anderen Kolonialmächte waren schrecklich. Aber doch: wenn man Abstufungen macht, dann waren es Deutschland und Belgien, die die härtesten Regime führten. Das soll die anderen Staaten aber nicht entlasten. [zurück]

17. Oktober 2006, 11:02 | Abgelegt unter: Die deutsche Gesellschaft | Tags: | Comments Off

Ihr habt den Krieg …

Vor 200 Jahren (und zwei Tagen) ist Preussen geschlagen worden. Von Napoleon in der Schlacht von Jena und Auerstedt.
Marschall Davout am Ortsausgang von Hassenhausen, Quelle: http://www.1806-1807.napoleon-online.com/components/com_ponygallery/img_pictures/Auerstaedt1806_Girbal.jpg
Das hieß: ein militaristischer Staat wird von einem aus der Revolution hervorgegangenen Herr vernichtend geschlagen und zum Vasallen gemacht. Es hätte in der Geschichte so viel besser sein können, wäre es dabei geblieben.1 Aber es ist ein guter Grund diese Geschichte nicht den Wir-stellen-die-Schlachten-nach-Fans und preussenbegeisterten HistorikerInnen zu überlassen. Es ist eher ein Grund, sich daran zu erinnern, dass es damals die Möglichkeit einer – gewalttätigen – Aufklärung gegeben hat, die leider vorbei ging.
Zur Erinnerung noch ein Zitat aus dem Code Napoleon, dem Zivilrecht, dass durch die französische Militäroperation zumindest in Teilen Deutschlands eingeführt wurde und gegenüber dem Adelsrecht einen immensen Fortschritt bedeutete: eben die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz:

[…]
CHAPTER I.
Of the Enjoyment of Civil Rights.
7. The exercise of civil rights is independent of the quality of citizen, which is only acquired and preserved conformably to the constitutional law.
8. Every Frenchman shall enjoy civil rights.
9. Every individual born in France of a foreigner, may, during the year which shall succeed the period of his majority, claim the quality of Frenchman; provided, that if he shall reside in France he declares his intention to fix his domicil in that country, and that in case he shall reside in a foreign country, he give security to become domiciled in France and establish himself there within a year, to be computed from the date of that undertaking.
10. Every child born of a Frenchman in a foreign country is French. Every child born in a foreign country of a Frenchman who shall have lost the quality of a Frenchman, may at any time recover this quality by complying with the formalities prescribed in the ninth article.
11. A foreigner shall enjoy in France the same civil rights as are or shall be accorded to Frenchmen by the treaties of that nation to which such foreigner shall belong.
[…]2

  1. Das ist es nicht. Erstens wegen den Herren von Stein und von Hardenberg mit ihrer Militärreform in Preussen, zweitens wegen Napoleon selber, der unbedingt auch noch Russland besiegen wollte und drittens wegen dem Wiener Kongress, der nach Napoleon Preussen und andere Staaten rekonstituierte. [zurück]
  2. Auf Englisch, weil auf Deutsch gibt es keine Übersetzung. Quelle napoleon-series.org. [zurück]

16. Oktober 2006, 12:50 | Abgelegt unter: Welt, Bestimmt wissens eh schon alle, Nebenher | Tags: | Comments Off

Viva Wissenschaft

LSD-Behandlung als Kur gegen Alkoholismus? [Telepolis]:

Ende der sechziger Jahre wurde dann LSD aufgrund der steigenden Beliebtheit als Straßendroge generell verboten, auch für wissenschaftliche Experimente. Dies scheint sich erst in der letzten Zeit wieder zu ändern, zumindest einigen Forscher unter anderem an der Universität von Harvard wurde es in letzter Zeit gestattet, wieder mit LSD zu experimentieren.

Unbedingt weiterforschen.

11. Oktober 2006, 13:41 | Abgelegt unter: Welt, Nebenher | Tags: No Tags | Comments Off

Radikalisierungen

Merksatz: chiliastische Bewegungen sind Bewegungen, weil sie in ihrem Streben auf ihr jeweiliges Ziel immer radikaler werden und sich beständig neu abgrenzen und sich selber ihre Ernsthaftigkeit beweisen müssen. Das macht sie dann auch für die Menschen in diesen Bewegungen gefährlich. Und wenn es sich bei diesen Strömungen noch um Staatsinstitutionen handelt, wird das noch schlimmer.
Warum ich das mal loswerden möchte? Wegen zwei aktuellen Entwicklungen.
1.) Nordkorea, dass sich offiziell in einem heißen Krieg mit den USA wähnt, zündet (angeblich) – wohl auch, weil sich sonst niemand so recht um das Land kümmert, seit es nicht mehr zu den „Sechs-Länder-Gesprächen“ kommt – eine Atombombe. Warum? Weil die Militärs vielleicht tatsächlich glauben, dass ein Angriff auf ihr Land bevorstehen würde.
2.) Im Iran werden die Sufis vogelfrei erklärt. Das ist bezeichnend, hat diese Strömung des Islam doch einen – platt gesagt – hippieskeren Gestus, als der iranische Staatsislam. Wenn man ganz doll die Augen zumacht, könnte man die Suffis sogar als recht unterhaltsam und nett ansehen. Doch ein Regime, dass ernsthaft vertritt, dass bald die Welt untergehen, bzw. islamisch sein wird, muss sich halt immer wieder erklären, warum das von Tag zu Tag nicht passiert. Und da kommt so eine Abgrenzung von „inneren Feinden“ gut an. Jetzt sind auch die Sufis (wieder einmal) direkt verfolgt.

Besser wird die Welt also auch in diesen Tagen nicht.

09. Oktober 2006, 13:31 | Abgelegt unter: Das ist die Welt, in der wie leben, Merksatz | Tags: | Comments Off