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regt sich auf & erklärt das universium

AGFG? Wer zur Hölle… Noch eine Sekte

Während alle den aktuellen Wahlkampf in Berlin zu ignorieren scheinen, stellen sich doch offenbar einige Menschen die Frage, wer eigentlich die AGFG, die so heftig plakatiert hat, ist. Zumindest hörte ich diese Frage in den letzten Tagen oft genug. Da ich gerade keine Zeit habe, einen längeren Text zu basteln, hier die Kurzfassung.

Die AGFGAllianz für Gesundheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit – ist die fast schon ganz offizielle Partei von Dr. Rath und letztlich – wie auch die BüSo – eine Sekte. Gegründet wurde sie zum Bundestagswahlkampf 2005. Dr. Rath ist der Meinung, dass er herausgefunden hat, wie alle Krankheiten, inklusive Krebs und Aids, zu heilen sind: nämlich durch Vitamine. Diese Vitamine verkauft zufällig er.
Dass dieses Wissen nicht allgemein ist erklärt er mit den Machenschaften der multinationalen Pharmaindustrie, der es nur um Macht und Geld gehen würde. Wir ahnen es bereits: eine antisemitische Verschwörungstheorie steht hinter der AGFG. Dr. Rath hat den typischen Verschwörungsmist genommen, die „Juden“, denen sonst alles in die Schuhe geschoben wird, mit der Pharmaindustrie ausgetauscht, sich selber zum Guru mit dem rettenden Konzept erklärt und das war es auch schon.
Würde die Macht der Pharmaindustrie gebrochen, so das Versprechen der AGFG würden die Kriege aufhören (die seien nur da, um Kranke zu erzeugen), die Armut verschwände (weil niemand mehr Geld für Pharmaprodukte geben ausgeben müsste), die Wissenschaft und die Politik würden wieder für die Menschen arbeiten, alle hätten Arbeit und außerdem wären alle gesund.
Das alles hat mit der realen Pharmaindustrie genauso viel zu tun, wie der reale Staat Israel mit dem Gebilde, das antisemitische Gruppen als Israel bezeichnen: rein gar nichts.
Zwei krasse Effekte dieses Weltbildes aus dem „Grundsatzprogramm“:

  1. Es wird behauptet, dass die Pharmaindustrie hinter dem Nationalsozialismus und den KZs stand. Niemand sonst. Als Beweis wird die Klage gegen die IG Farben genannt. Nun hat diese ohne Frage am NS partizipiert, aber darum geht es nicht. Die AGFG behauptet, dass diese mit der heutigen Pharmaindustrie (welche selbstverständlich als ein Block gedacht wird) identisch sei und dass über diese Anklage heute konsequent geschwiegen würde. (Seite 26-27, 57-60 und weiter Veröffentlichungen)1
  2. Kurz vor dem September 2001 stand die Pharmaindustrie kurz davor zusammenzubrechen, weil eine Klage gegen Bayer erwogen wurde. Und dann kam der 11. September, der Terrorismus und niemand (außer der AGFG) spricht mehr von der Klage. Der Zusammenhang ist klar: nicht der Islamismus, sondern die Pharmaindustrie war an den Anschlägen und allen nachfolgenden Entwicklungen schuld. Diese Idee wird dann in Zusammenhang mit dem Reichstagsbrand 1937 gesetzt, hinter dem, wie in Beispiel eins schon dargelegt, schließlich auch die Pharmaindustrie gestanden haben soll. (Seite 78-87)

Wie auch die BüSo ist die AGFG keine originäre rechtsextreme Partei, sondern Teil eines größeren Netzwerks von Organisationen, welche eine Sektenstruktur bilden. So enthält sie sich ohne Probleme rassistischen oder nationalistischen Inhalten. Sie beruft sich auf Martin Luther King, Carl von Ossietsky und andere positiv besetzte Figuren der Geschichte. Und trotzdem ist sie antisemitisch, der festen Überzeugung das rettende Konzept zu haben, da sich das Weltgeschehen auf eine riesige Verschwörung reduziert, die sie durchschaut habe und davon beseelt diese Gebilde dem Rest der Welt als Wahrheit überzuhelfen.
Vorrangig gefährlich ist die Gruppe immer noch – wie so viele andere Sekten – für die eigenen Mitglieder. Neben den psychologischen Gefahren, die in ähnlichen Gruppen durch die Trennung von der restlichen Welt, die intensiven Gruppenprozessee, extreme Machtbeziehungen und ständige Selbstverleugnungen drohen, ist hier auch eine Gefährdung der Gesundheit gegeben. Die Mitglieder sind zumeist davon überzeugt, dass „die normale Medizin“ ihnen nicht helfen, sondern im Extremfall noch kranker machen würde und setzten deshalb einzig auf die Vitamine von Dr. Rath.2

Die meisten Mitglieder der Partei scheinen auch über 70ig zu sein. Im letzten Jahr fand in Berlin eine Demonstration statt, die zwar sehr kurz, dafür ebenso sehr absurd war. Die Parolen waren kaum zu verstehen, einfach weil die Menschen zu schwach schienen, sie zu rufen. Außerdem setzten sich die gesamte Strecke und erst Recht am Abschlussplatz ständig Menschen an den Rand und tröpfelten sich gegenseitig Vitamintropfen von Dr. Rath in die Augen. Wenn mich je etwas an Zombiefilme erinnerte, dann das. Besonders, als am Ende die Demo an der Abschlussbühne ankam und leise rufend sich ganz langsam um diese gruppierte.
Ansonsten: wie bei jeder Sekte kann das ganze schnell in umschlagen in Gewalttätigkeiten oder was auch immer.

P.S.: BüSo, christlicher Fundamentalismus, AGFG: ab jetzt beanspruche ich den (mindestens szeneinternen) Titel eines Experten für Sekten und obskure Kleinstgruppe neben den klassischen radikalen Rechten. Dankeschön, habe ich auch viel Schwachsinn für lesen und anschauen müssen.

  1. Ein Effekt dieser Idee ist wie so oft die deutsche Volksgemeinschaft von ihrer Schuld freizusprechen. [zurück]
  2. Ich habe keine Ahnung, ob diese gefährlich sind und mithin sollen die Menschen mit ihren eigenen Körpern treiben, was sie wollen. Aber es wird dann unverantwortlich, wenn Kindern und anderen „Schutzbefohlenen“ (so heißt das nun mal) aufgrund einer Verschwörungstheorie „normale Medizin“ vorenthalten wird. [zurück]

28. August 2006, 15:30 | Abgelegt unter: Nerviges, Welt, Bestimmt wissens eh schon alle, Das ist die Welt, in der wie leben | Tags: | Comments Off

Is it feminism, Mum?

Sagt doch Christina Aguilera zu der Aufregung, welche die Aussage der Sängers Lance Bass er sei schwul ausgelöst hat:

„Ich bin schockiert, dass das so eine große Sache ist! Ich bin schockiert, dass die Leute schockiert sind.“ [Quelle web.de]

Ist das jetzt der Popfeminismus, den letztlich hat sie ja Recht. Zumal zumindest ich von ihrem Video „Can‘t Hold Us Down“ immer noch verwirrt bin. Ist das jetzt Feminismus? Und wenn ja: welcher? Ist das vielleicht das von Butler postuliert Spiel mit den Geschlechtsidentitäten?

24. August 2006, 15:59 | Abgelegt unter: Das ist die Welt, in der wie leben, Nebenher | Tags: | 2 Kommentare

Was sich ändert

Man wird auch immer älter. Früher jubelten die Leute auf Demos und Aktionen noch bei solch einem Bild [Demo gegen die Räumung der Rigaer Straße 94, im Jahr 2002]:
[Weil die GenossInnen von Krasse Zeiten auf ihrem Copyright bestehen der Beitrag mit Links, staat mit Bildern]

Heute sieht das so aus [Aktionen gegen den Hess-Marsch der Nazis in Berlin, August 2006]:

Diskursverschiebung in zwei Bildern.

21. August 2006, 14:27 | Abgelegt unter: Die deutsche Linke, Das ist die Welt, in der wie leben | Tags: | Comments Off

Protest 2.0 (am Anfang)

Am Samstag – huch: Morgen schon – wollen wieder mal Nazis durch Berlin marschieren, weil ihre Hess-Veranstaltung in Wunsiedel verboten wurde. Muss verhindert werden, klar.
Nur: früher ging man Tage vorher zu Antifa-Infoveranstaltungen, auf denen die aktuellen Infos rausgegeben wurden: wo die Nazis laufen werden, wie die Polizei eingeschätzt wird, die eingene Mobiblisierung, welche Strategie bevorzugt werden. Anschließend besprach man sich in Kleingruppen, wo sich getroffen werden sollte, wie angezogen und so weiter. Das war in Zeiten, als es noch einigérmaßen verpönnt war, ein Handy zu haben so üblich. Vor fünf Jahren oder so.
Heute sind solche Veranstaltungen eher mäßig besucht, wie letzten Mittwoch im Kato. Besonders, weil die Hauptaussage war: schaut im Internet, da melden wir alles so schnell als möglich. Das ist es dann also, die neue Protestvorbereitungsform: eine Infoveranstaltung sparen, dafür ins Netz gehen. (Auf mbr-berlin.de gibt es die jeweils bekannte Route als Stadtplan, auf www.ns-verherrlichung-stoppen.tk die Einschätzungen der aktuellen Lage bundesweite und beim Stressfaktor so allgemeine Infos. Und wer die Adressen kennt, kann auch nachschauen, was die Nasen zu propagieren.)
Ich habe ja nicht viel dagegen.1 Doch eigentlich geht da noch mehr: Webcams an der Demoroute, GPS-gesteuerte Überwachung der Nasen (Sender an deren Lauti anbringen), Live-Blogging mit RSS für Handys und mobile Epfangsgeräte, virtuelle Stadtpläne mit den jeweils aktuellen Daten über Nasen, Polizeieinheiten und angemeldeten Protestpunkten. Dann braucht man auch kein Antifa-Infotelefon mehr, sondern geht direkt online ins offene oder ins geschütze Forum. Da geht noch einiges. Und da die Nasen mit den technologischen Aufrüstung nicht Schritt halten werden können ist das immerhin eine Hoffnung.

  1. Digital divide ist das Stichwort, um doch etwas dagegen sagen zu können. [zurück]

18. August 2006, 15:02 | Abgelegt unter: Aktionismus, Bestimmt wissens eh schon alle, Das ist die Welt, in der wie leben | Tags: | Comments Off

Madonna als Aufklärerin

Eine These der linken Poprezeption war zumindest lange Zeit, dass Popmusik das Versprechen auf ein besseres Leben für alle aufrecht erhalten würde. Und jetzt passiert es wieder einmal: Madonna lebt das Versprechen auf eine Welt, in der Religion Privatsache und beliebiger Zeichenvorrat ist vor. Das regt tatsächlich die Kirche auf.
Madonna am Kreuz auf ihrem Auftritt in Rom, 2006
Was geht: die Sängerin stellt sich in ihrer neuen Bühnenshow als Jesusfigur am Kreuz da. Man könnte die Achseln zucken, christliche Symbolik ist Madonna nicht nur vom Namen her schon immer Spielzeug ihres öffentlich präsentierten Bildes gewesen. Doch solche Leute wie Manfred Becker-Huberti, seines Zeichens Sprecher des Erzbistums Köln, regt das auf:

„Es ist besonders perfide, dass in einem christlichen Land in solcher Form christliche Symbole verunstaltet werden dürfen.“ [Quelle n-tv]

Mal ganz abgesehen davon, dass Deutschland (zum Glück) nur noch in einigen wenigen Teilen und in den Hirnen einiger Kirchensprecher ein christliches Land ist, und ansonsten weitgehend säkularisiert, hat der gute Man offenbar die Grundlage der Aufklärung vergessen: sich über die Religion und das ganze Pathos/Gott/Heiligkeitszeug lustig zu machen.
Auffällig unbeleckt von Nachdenken äußert er zudem folgenden Satz:

„Wenn jemand Mohammed in dieser Form darstellen würde, gäbe es einen Aufstand.“

Das dieser Aufstand dann aber von Fundamentalisten und Fundamentalistinnen getragen würde, vergisst er zu erwähnen, weil er sich sonst auf deren Ebene stellen würde. (Obwohl er bestimmt nicht zugeben würde, die Welt christianisieren zu wollen.)

Mehr zu Madonnas aktueller Tour zum Beispiel in diesem Fanblog.
Ein Klassiker zu Madonna und Politik „Ich muß gestehen, ein Madonna-Fan zu sein“ [Interview mit Judith Butler]
Und Madonna im in der kulturwissenschaftlichen Kritik

15. August 2006, 15:05 | Abgelegt unter: Welt, Bestimmt wissens eh schon alle | Tags: No Tags | Comments Off

Sekten unter sich

Dass die BüSo eine nicht ungefährliche Sekte ist, sage ich schon seit Ewigkeiten. Deshalb freut es mich normalerweise, wenn auch andere darauf hinweisen (und wenn’s der DGB oder die Linke Liste in Aachen ist). Aber wenn jetzt das Verkündigungsorgan des christlichen Fundamentalismus in Deutschland, idea, dass ebenso sagt, dann wird es schon komisch. Und vor allem: was soll das? Nur weil diesmal offenbar keine der christlich-fundamentalistischen Parteien bei der Abgeordnetenhauswahl teilnimmt, beginnen die Sekten untereinander voreinander zu warnen?

14. August 2006, 13:50 | Abgelegt unter: Die deutsche Gesellschaft, Kopfschütteln und Achselzucken | Tags: No Tags | Comments Off

Wenn alle so dumm wären, wäre die Welt einfacher

„Die Antifa“ sollte offenbar mal wieder von Bundesnachrichtendienst beobachtet werden. Aber so was von blöde, dass man es nicht glauben kann:

„[…] Nach Auskunft des Deutschen Domainverwalters „Denic“ (www.denic.de) wurde die in der Anzeige im Zusammenhang mit dem E-Mail-Kontakt genannte Domain (www.recherchenetzwerk.de) [mit der versucht wurde Leute anzuwerben] für einen gewissen Simon Teska und das „Antifaschistische Recherchenetzwerk“ registriert, die im Gardeschützenweg 71, 12203 Berlin ansässig sein sollen. Schaut man ins Telefonbuch, so findet man an der genannten Adresse kein „Antifaschistisches Recherchenetzwerk“ sondern die Berliner Niederlassung des Bundesnachrichtendienstes (BND) […]“
[Quelle alb (Ja, peinlich. Aber es geht ja gegen den BND)]

Wenn das wirklich stimmt (Und bisher sieht es so aus. Die oben zitierten Angaben stimmen schon) kann man die Paranoia wirklich runterfahren. Dann klappts doch noch mit der Verbesserung der Welt.

10. August 2006, 14:18 | Abgelegt unter: Kopfschütteln und Achselzucken, Bestimmt wissens eh schon alle | Tags: No Tags | Comments Off

Wahlkampf, Berlin 2006, Teil 4

Dass der aktuelle Wahlkampf in Berlin vor allem bescheuert ist, stellt jetzt auch die Jungle World in einem Artikel fest. Dem kann ich nur zustimmen. Konsequent dumm. Für Berlin, von Markus Ströhlein, Jungle World 32/2006

10. August 2006, 14:05 | Abgelegt unter: Die deutsche Gesellschaft, Kopfschütteln und Achselzucken | Tags: No Tags | 1 Kommentar

Gegen rechte und linke Möchtegern-Gutmenschen

Toll. Am Samstag, den 12., kann man in Berlin gleich zweimal hintereinander seinen antifaschistischen Ansprüchen gerecht werden.
Erst zwischen 12 und 14 Uhr vor dem Deutschen Historischen Museum gegen deutsche Opfermythen und den Bund der Vertriebenen demonstrieren und dann ab 15 Uhr vor dem Roten Rathaus dem antisemistisch-religiösem Pack seinen erneuten Aufmarsch gegen Israel vermiesen. [Obwohl das – angesicht der Masse der vollkommen Verrückten auf diesen Aufmärschen – schwer sein wird. Aber vielleicht sind diesmal ja genügend Leute da, um nicht nur den Demozug abzulichten und die dort mitlaufenden Nazis zu outen,1 sondern auch um den TeilnehmerInnen zu zeigen, dass sie mit ihrer Sicht der Welt ziemlich weit von der Realität entfernt liegen.]

  1. Was ohne Frage auch wichtig ist. [zurück]

09. August 2006, 13:42 | Abgelegt unter: Nerviges, Aktionismus | Tags: No Tags | Comments Off

Wahlkampf, Berlin 2006, Teil 3

Nochmal was zur großen Politik

Eines der absurdesten Plakate kommt zur Zeit von der CDU. In einer Reihe stehen dort Menschen im Halbdunkeln. Darstellen soll das die Trostlosigkeit eines Besuches auf dem Arbeitsamt, aber es erinnert doch stark an die Selbstdarstellung der wirklich ganz rechten Burschenschaft Olympia Wien.1 Egal. Der Text ist das komische: „Rot-Rot macht arm.“
Das ist ja inhaltlich nicht ganz falsch. Die Zahl der Armen ist in Berlin in den letzten Jahren gestiegen. Nur was hat dieser Spruch auf einem Plakat der CDU zu suchen? Nicht zuletzt im so genannten Armutsbericht kann man nachlesen, das auch „Schwarz“, „Schwarz-Gelb“, „Schwarz-Rot“ oder „Schwarz-Grün“ arm macht. Zumal das CDU-Wahlprogramm keinen einzigen – nicht mal einen „neoliberalen“ – Ansatz dazu enthält, wie die CDU gegen Armut vorgehen will.
So aussagelos wie der Spruch ist, würde er zur WASG passen. Aber zur CDU?2 Wahlkampf halt. Besser als in Diktaturen zu leben, aber doch unausstehlich bescheuert.

  1. Zumal gerade die Agentur für Arbeit, wie das Arbeitsamt jetzt heißt, aktuell auf freundlich und hilfsbereit macht. Zumindest solange die Menschen mitspielen. Deshalb soll dort jetzt alles viel fröhlicher und netter aussehen. [zurück]
  2. Wobei die CDU/CSU je gerade ihr soziales Profil stärken will. Doch, obwohl ich die anderen Partei nicht in Schutz nehmen will, klingt das gerade bei der Union vollkommen durchgeknallt. So, als würde eine Würstchebude ihren Gesundheitsaspekt hervorheben wollen oder ein Gefängniss sein Freizeitpotential. [zurück]

09. August 2006, 12:29 | Abgelegt unter: Die deutsche Gesellschaft, Kopfschütteln und Achselzucken | Tags: No Tags | Comments Off